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Ferdinand Schmatz: Durchleuchtung.

Ein wilder Roman aus Danja und Franz.
Innsbruck, Wien: Haymon, 2007.
300 S.; geb.; Eur 19,90.
ISBN 978-3-85218-543-9.

Link zur Leseprobe

Ferdinand Schmatz hat einen Roman geschrieben, einen "wilden" sogar, wie der Untertitel in Aussicht stellt. Aber hat er das wirklich getan? Seine bisher umfangreichste Prosaarbeit ist keine Auseinandersetzung mit der historischen Gattung Roman, mit narrativen Strukturen und Möglichkeiten des Erzählens. Er setzt nach der modernen Auflösung des Romans an – der Auflösung in Essayismus, Sprachreflexion, stream of consciousness usw. Es handelt sich, wenn überhaupt, um einen Roman nach dem Ende des Romans. Denn für Schmatz gibt es kein Zurück zum reibungslosen Erzählen und den unreflektierten Realismus-Konzepten der Romane, die sich in den Buchhandlungen stapeln. Er mag da seinem Protagonisten Franz nahe sein, von dem es an einer Stelle heißt, daß der "die Verpflichtung, die er seinem Durcharbeiten der Tradition verdankte", gewaltig spüre.

Nun ist das Nicht-mehr-erzählen-Können natürlich längst zu einem Cliché neoavantgardistischer Attitüden herabgesunken. Ferdinand Schmatz hält sich damit freilich gar nicht erst auf. Sein Roman "Durchleuchtung" hat seinen selbstverständlichen Ort jenseits der überkommenen narrativen Muster, dort, wo eine zeitgemäße Prosa ja eigentlich ansetzen muß. Die große Stärke dieses Buches liegt nicht darin, daß Schmatz die historische Gattung noch einmal (postmodern) ironisiert, reflektiert oder dekonstruiert. Sie liegt darin, daß der Autor mit dieser Prosa Fäden wieder aufnimmt, deren lose Enden man unter anderem in den "fünf prosastücken" von Reinhard Priessnitz verorten könnte, deren Herausgeber ja auch Ferdinand Schmatz heißt (und der in Anspielungen präsent ist: "Die Lage war Nebel"), daß er eine konsequent autoreflexive Prosa visiert, der nicht nur Erzählstrukturen fragwürdig geworden sind, sondern das Funktionieren von Sprache überhaupt – eine Haltung, die auch Prosa, ja meinetwegen: der Roman heute nicht billiger einlösen will als auf dem Reflexionsniveau einer mit allen Wassern der Moderne gewaschenen Lyrik.

Die beharrliche Autoreflexion führt zu der naheliegenden Konsequenz, daß die Selbstbeobachtung des Autors breiten Raum einnimmt und wir es folglich mit einem "Künstlerroman" zu tun haben. Und wieder stutze ich bei dem Begriff 'Roman', hat dieser Künstlerroman doch so gar nichts gemein mit den müden Kolportagen eines Hans-Ulrich Treichel ("Tristanakkord"), um auf ein aktuelles Beispiel dieser Gattung zu verweisen. "Durchleuchtung" findet statt als Introspektion, als eine Suchbewegung nach einer angemessenen Sprache für die Selbstbeschreibung und Selbstverortung, auch für die Konstruktion bzw. Aufrechterhaltung einer Künstler-Identität. Franz, den Schmatz bewußt mit Anklängen an die eigene Biographie ausstattet (Wohnort, Alter, Kindheit in Korneuburg usw.), ist allerdings kein Schriftsteller, sondern ein bildender Künstler, der aber mit Sprache arbeitet, also im Grenzbereich der Künste. Das weitet nicht nur den Blick auf eine umfassendere Künstlerthematik, sondern erlaubt auch ein Traktieren des Problems der Versprachlichung aus einer größeren Distanz. Wenn Franz spricht, dann spricht in der Fiktion des Buchs eben kein Dichter, der die Sprache "hat": "Deine Kunstarbeit will nicht Spracharbeit allein sein, kann und will es nicht."

Erinnerungen, Reflexionen über Kunst und Sprache, vieles wird in diesem stimmenreichen Buch auf eine "Bühne der Rede" gehoben, in der sich viele Diskurse und Sprechweisen kreuzen und beleuchten. Franz zur Seite steht eine Danja, mit der er ein Spiel aus "Theorie und Biografie" spielt und die auch der Sphäre der Künste zugeordnet werden kann. Ihnen gegenüber, als Widerpart, steht Professor Pokisa, der Arzt, für den "Durchleuchtung" eine technische Bedeutung hat und nicht bloß eine metaphorische: "Pokisas Blick war ein Blick der Kontrolle." Wenn das Buch auch eigentlich keine Handlung hat, so gibt es doch einen Fluchtpunkt für all die Rückblenden und essayistischen Ausritte: Es ist eine Lebenskrise des Künstlers Franz, die sich auch in einer gesundheitlichen Krise spiegelt (oder von ihr verursacht wird), die den Protagonisten ins Krankenhausbett und in die Obhut jenes Pokisa zwingt. Schmatz mutet dem Leser aber nun keineswegs das Gegensatzpaar Kunst – (Natur)Wissenschaft in seiner abgedroschenen Simplizität zu. Die Dinge liegen verwickelter zwischen einem kunstsinnigen Arzt, der seinen Patienten auch "als Künstler" verstehen will und einem Künstler, der sein Tun auf der medial-technischen Höhe der Zeit reflektiert: "Die Maßstäbe des Künstlers und des Arztes waren verschieden und dennoch gleich, denn beiden ging es nicht nur um Vergleiche, sondern um die Übersteigerung oder Unterwanderung des Verhaltens, das durch den Vergleich ermittelt wurde."

Am Ende hat Franz sich die Problematik der Perspektiven so zu eigen gemacht, daß er seine Röntgenaufnahmen im Kunsthistorischen Museum mit dem "Mann mit der Löwenpranke" von Lorenzo Lotto vergleicht. Aber auch das hilft nicht weiter, denn "das alles ist nur ein Zeichen, aber auch eines für nichts, nichts als eine Welt der Zeichen, die wir sind und in der ich mitspiele, lächle, alles Herz in meinem Mund und Auge, aber kein Zucken darin, keine Unterwerfung, Angst". Es wird nicht klar, ob und wie Franz aus seiner Krise herausfindet, ob er sich von Danja endgültig entfremdet hat, die ihm gegen Schluß des Buches einen Monolog hält. Was die Lektüre so spannend macht, ist, daß man in einen Prozeß der – ja: experimentellen Versprachlichung von Bewußtsein, Selbstreflexion, Sprachreflexion hineingezogen wird, der nicht abgesichert ist durch vorgefertigte Theorien und Muster.

 

Florian Neuner
3. März 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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