Werner Schwab: Abfall, Bergland, Cäsar.

Eine Menschensammlung.
Werke Band 2.
Hrsg. von Ingeborg Orthofer unter Mitarbeit von Lizzi Kramberger.
Graz, Wien: Literaturverlag Droschl 2008.
143 S.; Leinen gebunden.; Eur 19,-.
ISBN 978-3-85420-739-9.

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Rechtzeitig zum 50sten Geburtstag des 1994 verstorbenen Dramatikers Werner Schwab, der sich selbst als Prosaautor verstand, ist unlängst bei Droschl Band zwei der Werkausgabe erschienen. "Abfall, Bergland, Cäsar." ist die einzige längere Prosaarbeit Schwabs, die schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurde. Die "Menschensammlung" erschien erstmal 1992 im Residenz Verlag. Schwab bedient sich darin einer Gattung aus dem 17. und 18. Jahrhundert, gestaltet seine Human-Typologie jedoch gänzlich anders. Es geht hier nicht um akribische Figurenbeschreibungen oder tiefgehende Charakterstudien, sondern im Wesentlichen um die Sprache. Die Figuren von A bis Z dürfen zwar kurzzeitig aufmarschieren, müssen aber gleich wieder abtreten. A, B etc. werden aufgegriffen aber sofort wieder fallen gelassen. "Der Geregte" greift in die Sprachkiste und krallt sich die dem Alphabet nach aufgedröselten Schicksale und offenbart sein Vorhaben zwischendurch. "soweit überbau und unterteilung." (S. 10) Schwab packt die Sprachmöglichkeiten beim Schopf, zieht der Sprache inhärente Beispielmenschen an den Haaren, respektive Sprachfäden herbei und formt eine Geschichte, die sich aus den Sätzen heraus entwickelt. Das Staffelholz im Sprachverlauf wird von Satz zu Satz weitergegeben. Die Wörter kommen auf Touren und werden dann genüsslich wieder eingebremst, die Geschichte abgehackt, der Held abserviert. Dies geschieht drastisch, tragisch und gerne auch in einer komischen Mischung aus beidem und natürlich fließen Körpersäfte in Strömen. Dabei kommt der existenzialistische Grundernst jedoch nie abhanden, der steht den Schicksalen ausnehmend gut. Den brauchen sie, sonst würde diese ausgefallene Sprachbehandlung nämlich bisweilen nicht schwer genug wiegen.

Im Fall A bringt ein Gartenschlauch in der Küche das Fass zum Überlaufen und den Protagonisten in die Gummizelle. "wir aber, die autorenschaft, küssen wahrscheinlichkeit und statistik und treiben A in eine staatliche anstalt." (S. 8) Der Autor macht Gebrauch von seinem uneingeschränkten Zugriffsrecht. "wir greifen also, greifen zu und auf, greifen uns das papierene, greifen einen papierenen an und greifen rundum auf, genasführt am letzten ende vom gegriffenen papier." (S. 10f)
Dieses Greifen ist auch ein Angriff, eine Attacke auf Abstraktes. "DENN EINEN WIRKLICHEN menschen in der wirklichkeit: aus fleisch und blut und hirn und scheiße sollte man in wirklichkeit nicht ergreifen dürfen: nein, einen solchen nicht." (S. 11)

Hier wird ein Menschenzirkus aufgeführt und bizarr hingerichtet. Der Zirkusdirektor spielt Demiurg, schöpft aus vollen Sprachinnovationstöpfen und scheint sich auf große (Theater? Prosa?)Werke vorzubereiten (die folgenden Bände werden es zeigen). "Abfall, Bergland, Cäsar" birgt Buchstabe für Buchstabe (Todes)Fallbeispiele. "die schlichtheit und das geheimnis sind es, die es C und auch dem rest der welt angetan haben. Schlichtheit und geheimnis, die es als zustände durch hastiges aufsuchen, zeichen einkaufen und sentimentales verlassen aufrechtzuerhalten gilt; eine schlichtheit und ein geheimnis, die für C bestehen aus sonne, luft und wurst und speck und aufgeblähtes körpergetue." (S. 21) Schwab kreiert auf Papier Prototypen und lässt sie dann gleich wieder krepieren.

"Abfall, Bergland, Cäsar" ist gewissermaßen eine Nebenrollensammlung. A der Abgeführte, B der mit Erbsendosendeckel- und Bierflaschenhalsgezickzackte, C der Jauchengrubentote und bei D schimmert dann so etwas wie Liebe durch, nein, doch Einsamkeit und Rotlicht. E ist zu schön um wahr zu sein. E hat "elfenbein- oder ebenholzfarbene Haut". Egal, Hauptsache E. Die Autorenschaft lässt sich von Alliterationen treiben, verfremdet und komprimiert: "SO IST E erläutert von den regierungsweisungen seiner kultur und deren hinrichtungskommandowunschvorstellungen." (S. 34) F ist ein "Zeitungspapiervollschreiber". Und ach wie ist es wonniglich dies F umzubringen. Die Autorenschaft hat Spaß. "aber freilich braucht ALLES ein publikum: muß teilhaben gemeinheitlich an etwas: das nicht ist, das in seiner wirklichkeit ja ganz anders ist UND ABER SCHEINT: und gleichviel ist das, was in wirklichkeit ja ganz anders zu sein scheint, seinerseits genötigt, der wirklichkeit für sich selber einen publikumsbegriff abzunötigen. man gibt sich selber also absichtlich ab wie eine urinprobe, sobald man unter menschen geht, weil man sich unter- und absuchen lassen will, und ist seinerseits dankbar für jede urinprobe, die einem überantwortet wird." (S. 55f)

Neben Sprachskepsis und genereller Gesellschaftskritik enthält "Abfall. Bergland. Cäsar" auch jede Menge Selbstkommentare des Autors. Schwab gibt Einblicke in sein poetologisches Konzept, verschreibt, verschleiert und verpackt dieses aber doch ganz gut unter der Oberfläche der Menschensammlung. "alles aufgeschriebene nichtet sich als tat, weil ES schreibend geschieht und sich geschriebenermaßen erledigt." (S. 83) G ist der Mediokre. K der dumme Künstler. M wird von stoßstangenschwingenden Japanern verprügelt. H ist ein Habenichts, I ein Ignorant, J ein Jammerlappen. Stets aufs Neue wird den Figuren erst Sprachmaterialbedingtes eingehaucht, dann deren Leben ausgehaucht, ausgehaucht von der Autorenschaft, die Z ist und zu berichten weiß: "wir lernen einen menschen als projektiertes paradigma kennen und lieben und stecken ihm die zunge ins arschloch oder sonstwo:HIN, um von einem unverwechselbaren totalarschloch heimgeleuchtet zu werden, UND AN MEINEM ALLGEMEINZUSTAND NEHME ICH WAHR, daß der allgemeine zustand unterbrochen ist." (S. 127)

"Abfall, Bergland, Cäsar" ist eine lustvolle, mitunter auch lustige Charakterdemontage, eine kundige Zerlegung von Menschenmeterware mit dem schwabschen Sprachuniversalschlüssel. Sprach"Abfall" und gesellschaftliche Ausfälligkeiten aus dem "Bergland" Österreich werden hier von "Cäsar"-Drastikking-Schwab in komprimierter Form vorgeführt, das ergibt einen köstlich-schauderlichen, bravourös niedergeschriebenen Figurenpark sowie zahlreiche Lektüreglücksmomente für Sprachverliebte und: "ein glück, daß alles nur einem glück und nicht der wahrheit gleichkommt." (S. 77)

 

Markus Köhle
5. März 2008

Originalbeitrag

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