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Bernd Schuchter: Jene Dinge.

Erzählung.
Hohenems: Limbus Verlag, 2008.
100 S.; brosch.; Euro 9,60.
ISBN 978-3902534071.

Link zur Leseprobe

Dieses Trennende im Angesicht des ständigen Überschreitens ist wohl kaum zu ertragen.

Es ist mehr als nur das Lungenleiden, das den Erzähler mit seiner Familie verbindet. Es sind jene Familienfotos, voll von Zeichen und Bedeutung, die ihn faszinieren und hinter das Äußere blicken lassen. Jene längst vergangenen Tage seiner Vorfahren, die er akribisch zu erschließen sucht, um sich seines Erbes bewusst zu werden. "Jene Dinge" heißt die neue Erzählung des in Innsbruck geborenen Autors und Verlegers Bernd Schuchter, in der der Erzähler in den Sog seiner Familiengeschichte gerät und dabei über Milieu und Identität, Trennendes und Verbindendes aus dem Blickwinkel seiner Generation reflektiert.

Die Realität des Erzählers hat wenig mit der Vor- und Nachkriegsgeneration gemein, in der seine jüngsten Vorfahren lebten. Doch die Vergangenheit umgibt ihn ständig. In der Tiroler Hauptstadt streift der namenlose Erzähler durch die Gassen, die Jahrzehnte alte Schritte widerhallen lassen und sein eigenes Gehen zu stören scheinen. Wie kann es ein Fortschreiten geben, wenn die Erforschung der Familienkunde Entfremdung bedeutet?

Die Verhaltensmuster des Erzählers werden zwar aus Geschichten – vom unsteten Leben des Großvaters, von wandernden Vorfahren und vom Schamkomplex der Mutter, die in ärmlichen Verhältnissen am Land aufwuchs – abgeleitet, doch können sie die Frage nach seiner Identität nicht klären. Der studierte Historiker versucht einen Faden im wirren Knäuel seiner Herkunft zu finden, um sich dem Milieu seiner Eltern anzunähern. Doch das Aufwachsen in einer privilegierten Situation, mit dem Privileg der Bildung, wird als etwas schmerzhaft Trennendes empfunden: "Sie (die Eltern) ermöglichen also ihnen (den Kindern) den Übertritt von einem Milieu in das andere, wie man von einem Stadtteil in den anderen geht und die Ausbildung als Brücke übertritt und überschreitet, nur umgekehrt. Diesen Schritt von ihnen (den Kindern) zu verlangen, fand ich immer das furchtbarste; eine Zumutung."

Es entsteht eine doppelte Belastung: Die Unmöglichkeit, sich im Milieu seiner Vorfahren zurecht zu finden, und der Wunsch nach Geborgenheit durch eine Überwindung der Grenzen und gegenseitige Annahme. Das Motiv der Brücken, die sich über den trüben Inn spannen, die Übergang und Abgrenzung zu den unterschiedlichen Stadtteilen symbolisieren, weist auf den unauflösbaren Zwiespalt von Schuchters Figur hin: "Wie im Spiel fanden sich die drei Generationen und fanden sich auch nicht, denn wie durch Zufall waren sie jeweils durch eine Brücke getrennt und kannten sich nicht. Die eine wie die andere Generation."

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft nimmt die Züge einer Erinnerungsstudie an, in der der Erzähler in einem Prozess zwischen Abgrenzung und Bewusstwerdung die Schwelle von Erlebtem und Gedachtem, Vergangenheit und Gegenwart zu begreifen sucht. Mit Misstrauen steht er seinen eigenen Analysen gegenüber, sie werden als "Kopfkrankheit" bezeichnet. Erinnerungen und Vorstellungen sind zwei Ebenen, die voneinander kaum noch abgrenzbar sind – sie werden zu vorgestellten Erinnerungen an die Leben der anderen. Der eigene Platz in der Welt kann über diese nicht mehr erschlossen werden, vielmehr erschwert der Blick auf die Vergangenheit den Zugang zur Wirklichkeit.

Scharfsichtig greift der 1977 geborene Schuchter in "Jene Dinge" die Empfindungen seines Protagonisten auf, schonungslos, haltlos und zu keinem Ende findend. Mechanisch dreht sich in Bernhard'scher Manier das streng urteilende Zahnrad der Wörter, und auch in seiner Tirol- Kritik steht er dem alten Meister Bernhard in nichts nach. Die glühenden Anklagen gegen die falsch stolzen Tiroler, die keine Kultur und Bildung haben und ihr einzig positives Gut, die Natur, ausbeuten, reihen sich ein neben einer österreichischen Vergangenheitskritik: " (...) was bleibt uns denn anderes, als die Schuld der Väter und Großväter, die uns unsere eigene Identität verleidet haben." In einer ungeheuren Dichtheit an Themen und Motiven erzielt Bernd Schuchter eine intensive Beschreibung von Sehnsucht und Ohnmacht – nicht zu Unrecht ist er für "Jene Dinge" beim Prosapreis Brixen/Hall 2007 ausgezeichnet worden.

Julia Zarbach
29. April 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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