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Evelyn Schlag: Architektur einer Liebe.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2006.
364 S.; geb.; EUR 21,50.
ISBN 978-3-552-05388-5.

Link zur Leseprobe

In der Literatur von Evelyn Schlag gibt es ein bevorzugtes Thema: die Liebe. Unterschiedliche Konstellationen von Liebenden hat die Autorin in den verschiedensten Beziehungsräumen zusammengespannt. Sie schreibt aus einer deklariert weiblichen Perspektive und reflektiert dabei vielleicht auch persönliche Entwicklungsprozesse im Zuge des Älterwerdens, - ohne je die Person der Schriftstellerin in ein plakatives Spiel mit Authentizität zu verwickeln.
Die Liebe ist der narrative Faden durch gehaltvolle Geschichten, in denen man - aus einer kritischen und subtil beobachtenden Perspektive - auch immer einiges über den Lebenskontext der Figuren erfährt. An dem Roman "Architektur einer Liebe" fällt im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen einerseits ein stärkerer oder offensichtlicherer zeitkritischer Impuls und andererseits der exemplarische Charakter auf. Die Figuren und ihr Verhalten, so hat man den Eindruck, sollen etwas demonstrieren.

Die beiden zentralen Charaktere des Romans macht Schlag zu Spielbällen der Globalisierung. Eine international gefeierte Architektin mit Wohnsitz und Büro in Paris und ein mäßig erfolgreicher Kollege aus Wien, beide um die fünfzig, verlieben sich ineinander. Ihre erste Begegnung findet in der St. Petersburger Kunstgalerie "Eremitage" statt. (Vittoria Monti wird am Wettbewerb um das größte russische Kulturprojekt teilnehmen; Wolf Lewinter führt ein kleiner Restaurantumbau nach St. Petersburg.) Ein Augenblick - im wörtlichsten Sinn - in einem menschenleeren Bildersaal genügt, um das Band zu knüpfen. Sie wechseln kein Wort, nur ein kurzes Innehalten und gegenseitiges Erkennen findet statt. Als "Instrumente einer verrückt spielenden Globalität" sind für die beiden noch einige Reisen erforderlich, bis sie bei einem Architekturkongress in Philadelphia wieder zufällig aufeinander treffen und einander richtig kennen lernen.
Was danach kommt ist kompliziert: die beiden sind ihrem Alter entsprechend vernünftig und krempeln nicht von heute auf morgen ihr Leben um. Erfahrung, Stolz, Alltagszwänge und die räumliche Distanz machen eine Annäherung schwierig, so sehr auch die Sehnsucht brennt.

Ihrer Hauptfigur Vittoria Monti hat die Autorin als familiären Hintergrund eine Mailänder Baumeisterfamilie zugedacht, die im 19. Jahrhundert nach Alexandria ausgewandert war, den Aufbau dieser ägyptischen Stadt mitgestaltete und nach der Nasser-Revolution wieder nach Italien zurückkehrte. Der einst große Clan ist zu Fragmenten und Erinnerungen zerbröselt. Vittorias Vater überstrahlt als verstorbene Ikone der Güte und Geborgenheit den Familienrest. Ein wenig davon ging auf ihren Bruder über, der sich dem bürgerlichen Lebensentwurf nicht wie sie selbst radikal entzog. Die Identität der kinderlosen Singlefrau Vittoria bekommt einen empfindlichen Sprung, als sie sich nach einem schockierenden Geständnis ihrer Mutter mit neuen familiären Tatsachen abfinden muss. Da gewinnt zum Beispiel St. Petersburg besondere Bedeutung, jene Stadt, die sie zuvor ahnungslos bereist.

Mit diesem multinationalen Schillern kann der Wiener Wolf Lewinter nicht konkurrieren. Er hat mit einer gescheiterten Ehe und einem elfjährigen Sohn, über den er nichts kommen lässt, dafür aber eine sekundäre Familiengeschichte vorzuweisen. Väterliche Verantwortung fühlt er auch für den jung-erwachsenen Sohn seines verstorbenen Bruders. Mit der Ratlosigkeit des Älteren im Umgang mit der ziellosen Umtriebigkeit seines Neffen kommt das Generationenthema ins Spiel.
Wolf Lewinter ist ein differenzierter Charakter, aber in all seiner Sanftheit und Verständnisbereitschaft als Mann, der sich einer dominanten Frau unterordnet, doch zugleich auch die Verkörperung weiblicher Wunschvorstellungen.

Ähnlich heterogen wirkt auch die literarische Kreation Vittoria. Jeweils für sich genommen überzeugen sowohl die Darstellung ihrer Berühmtheit mit all den hysterischen Gebärden wie die Darstellung ihrer intimen Seiten. Die Synthese dieser beiden Aspekte ihrer Persönlichkeit ergibt jedoch keine ganz schlüssige Person im Schlag'schen Kosmos - das mag auch an der Abstimmung von Figur und Erzählweise in diesem speziellen Fall liegen. "Stars" sind in fiktiven Erzählungen ja generell ein schwieriges Terrain und hier hat die Autorin noch dazu eine ausgesprochen mutige Variante gewählt, nämlich die nicht-ironische. Sie verzichtet auf den Schutzschild der Ironie und entzieht sich nicht der Festlegung.

Nach allem was man erfährt, scheint es recht unwahrscheinlich, dass diese Beziehung halten soll. Darum geht es aber auch nicht primär. Schlag konzentriert sich vor allem auf psychische Prozesse und unterschreitet dabei kaum jemals die Ansprüche eines vernünftigen Realismus. Darum sind auch in diesem "konstruierten" Roman, in dem die Lebensgeschichten und deren Verknüpfung durch die Handlung so modellhaft entlang symbolträchtiger Orte und Ereignisse verwoben werden, die Figuren nie klischeehaft. Mit derselben Konsequenz, mit der sie sich ihrem Lieblingsthema widmet, hält Evelyn Schlag also auch an ihren literarischen Ansprüchen fest.

Christine Rigler
26. September 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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