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Margit Schreiner: Haus, Friedens, Bruch.

Frankfurt/M.: Schöffling & Co. 2007.
Geb., 247 Seiten, Eur 19,50.
ISBN 978-3-89561-277-0.

Leseprobe

Autorin

Die monologisierende Ich-Erzählerin ist eine Schriftstellerin, anfällig für Husterei und Lungenentzündungen sowie Schreibhemmungen. Sie bekennt: "Die Husterei und die Lungenentzündungen haben mit der Husterei und den Lungenentzündungen meines Vaters begonnen. [...] Er ist schon seit zehn Jahren tot. Meine Mutter ist seit fast acht Jahren tot. Ich bin eine Überlebende."

Eine Frau in den Wechseljahren, die als Alleinerzieherin, Exehefrau, Schriftstellerin eine Menge zu beklagen hat. Sie ringt mit einer Schreibhemmung, leidet an Rückenschmerzen und Schweißausbrüchen, muss für die pubertierende Tochter sorgen und wird im Schlaf von ihrer Vergangenheit eingeholt. Was sie sucht, ist Entspannung und Trost. Dabei ist sie optimistisch. "Auf einmal ist nachts die Zeit für den Schrecken und Zeit für die Gespenster. Aber jetzt ist Schluss damit. Jetzt wird alles anders." Es kommt ein "Cumulus" ins Haus (bei ebay, habe ich gerade nachgesehen, ist er um etwa 3600 Euro angeboten), ein Massagesessel, der alle Verspannungen und Verkrampfungen lösen soll. Bevor der Stuhl richtig in Betrieb genommen wird und Gelegenheit bekommt sich zu bewähren, lesen wir, was trotz Schreibhemmung in den Computer getippt wird. Es ist wie der "Cumulus", aus dem richtigen Leben gegriffen, das für Margit Schreiner ein erfundenes ist. Auf ihrer Homepage teilt sie in einem Interview zum Buch mit, dass sie "Von einem Schriftsteller, der ja über das Leben berichtet" verlangt, "dass er sich seinem mehr oder weniger erfundenen Leben stellt".

Sich dem Leben zu stellen heißt zunächst einmal es zu beschreiben. Margit Schreiners alter ego monologisiert in saloppem Schreiner-Stil nicht ohne sich manchmal zu widersprechen und mit viel Witz über das Alltägliche. Denn "das Wichtigste im Leben ist keineswegs, was man arbeitet, wie erfolgreich man ist oder eben nicht, wie man seine Freizeit verbringt und so weiter, sondern das Wichtigste ist, wie man wohnt, wie und wo man aufs Klo geht, wo man die Wäsche wäscht. Alles andere ist nur scheinbar wichtig." Down to earth also und das aber locker. Naturgemäß fehlen in diesem Alltäglichen die Dämonen nicht. Sie versammeln sich nächtens. Die Nacht schenkt keinen Kierkegaardschen Trost, der die "Mühsal der Erinnerung in ewigem Vergessen" auflöst, bedeutet eher Hausfriedensbruch und ist Zeit für den Auftritt des Ex-Ehemannes, der Mutter, eines Kinderpsychiaters und der Noch-Ehefrau des Geliebten Bruno. Wie Intarsien sind diese Alpträume in den 250-Seiten-Text eingelegt, dramatisch, voller köstlicher Komik und abgeklärter Lebenserfahrung.

Von wegen, es sei nicht wichtig, was man arbeitet. Ein Gutteil der Suada ist Klage genau darüber. Die Klagende im Klimakterium hat bei diesem Thema keine Blockade. Angriffslustig und nicht ohne Zynismus gelingen ihr Beschreibungen des deutschsprachigen Feuilletons, der Männerrunden im Literaturbetrieb und eine Darstellung idealer Schreibvoraussetzungen, die auch auf einer Kabarettbühne Erfolg hätten. Hausfriedensbruch auch hier.

Wir haben es bemerkt, unsere Ich-Erzählerin ist nicht konfliktscheu. Sie schreibt im Verlag Schöffling & Co aus Frankfurt über das Verhältnis der ÖsterreicherInnen zu den Deutschen wie in einem österreichischen Staatsverlag. (Vermutlich aber humorvoller.) Dieses direkte Angehen der Konflikte macht sie frei. Wenn es am Schluss des Buches im sechsten Kapitel dazu kommt, die ganzen wunderbaren Möglichkeiten des "Cumulus" vorzuführen, gelingt ihr tatsächlich beeindruckende, nachdenklich machende Prosa. Hier hören die Leseranreden der Art "So schnell kannst du gar nicht schauen" und andere Manierismen, die an die Krimis von Wolfgang Haas erinnern, auf.
In einem in kursiv gesetzten Rahmen wird über das Schreiben allgemein reflektiert. Dabei kommt die Ich-Erzählerin/Autorin(?) zu dem Schluss, "der einzige Sinn alles Geschriebenen wäre doch Trost zu spenden inmitten all des täglichen Wahns". Freilich kann diese Verallgemeinerung nicht ganz ernst gemeint sein, immerhin drückt sie die Hoffnung aus, dass selbst in der Immanenz des Alltäglichen Trost gefunden werden kann.

 

Helmut Sturm
19. November 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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