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Julian Schutting: Zu jeder Tageszeit.

Roman.
Salzburg, Wien: Jung und Jung, 2007.
291 S.; geb.; OU; EUR 25.-.
ISBN 978-3-902427-19-2 .

Link zur Leseprobe

Era il giorno ch'al sol si scoloraro
per la pietà del suo factore i rai,
quando i' fui preso, et non me ne guardai,
ché i be' vostr'occhi, donna, mi legaro.
(Petrarca, Canzoniere III)

Auf einen Blick von Liebe getroffen, wofür "Amors Pfeil"
schon die rechte Metapher,
von ihrem Anblick ja mitten ins Herz (...)

hebt der Dichter dieses neuen Romans von Julian Schutting an zu einem Gesang der Liebe, zur Chronik eines erschütternden keusch-sinnlichen Begehrens, einer entsagungsvoll hohen Minne, deren Vollzug eine rein dichterische Form annimmt.
Von der ersten Lobpreisung ihres Liebreizes zur Sonnenaufgangsstunde bis hin zum Abschiedskuss auf den schlafenden Mund ist jeder Tag ganz der Geliebten zugeeignet, ihrem Schritt folgt der Blick aus dem Fenster, ihr gilt der Gruß, mit dem Zeigefinger in den frischen Schnee geschrieben, ihre unergründlichen Blicke spiegeln sich im Gewässer der Donauauen. Selbst die profansten Gesten, die alltäglichsten Gespräche, erscheinen durch den Blick des Liebenden erhöht, zehren von dem Glanz und der Aura, die der Geliebten durch ihren Dichter geschenkt werden. Während er sich im Beisammensein mit der "donna gentile" in süßer Zügelung des Verlangens übt, fügt sie sich als Kunstfigur gehorsam nach seinem Diktat zu einem Gedicht, verbindet sich als "unsichtbar ihm entgegengerundete Luna" mit ihm zu einer Vollmondnacht, zu einem Mondgedicht.

Manieristisch, wortspielerisch, beinahe altmodisch tönt Schuttings Privatsprache der Liebe, die ihrem eigenen Rhythmus, ihrer eigenen Logik des Herzens folgt, sich mal zärtlich anschmiegt, mal verletzt zurückzieht, die mal vollmundig tönt, mal scheu flüstert, mal jubelt, mal klagt, stets aufmerksam auf die feinsten Gefühlsregungen, auf die leisesten Nuancen in der Beschäftigung mit der geliebten "donna adorata". Die Liebeserfahrung des Dichters hat die Gestalt des ovidischen dulce malum, der petrarkischen voluptas dolendi, antithetisch folgt Liebesqual auf Liebesglück, schwankend zwischen Begehren und Entsagung, zwischen Verlockung und Abweisung strauchelt der Liebende wie ein Schiff auf bewegter See. Wie in dem großen Prätext, Petrarcas Canzoniere, der stets durchscheint, resultiert aus eben dieser Spannung zwischen Gewähren und Verweigern "bei geheimen Einverständnis (...) die unaufhörliche Hingabe, das unaufhörliche Klagen und Verzagen, das Jubeln und Seligsein über die leisesten Zeichen erwiderter Neigung, das Zweifeln und Verzweifeln und das Aussingen der eigenen Seelenregungen bis in die zartesten Verästelungen." ( M. Lanckoronska)

Dergestalt unrettbar in die "Liebesgezeiten" hineingeraten, besingt der Dichter "in lyrisch angehauchter Tonart" kunstvoll die süße Qual zu lieben, zeichnet in petrarkistischer Manier das Idealbild einer Dichterliebe, die sein Schreiben erst begründet - "oder ginge denn für einen Dichter Liebesverlust mit Sprachverlust nicht Hand in Hand wie wir beide über Wiesen."

Der Leser, der den hermetischen Raum der dichterischen Liebesprivatsprache abschreiten will, anstatt schon nach den ersten Zeilen aus ihm verbannt zu werden - wenn er nicht von selbst, aus Scheu vor solch großem Gefühl, die Flucht ergreift - muss das kühne Wagnis eingehen, sich gemeinsam mit dem Liebenden in die stürmischen "Liebesgezeiten" hineinzustürzen. Ein kühnes Wagnis allein deshalb, weil die hier besungene Liebe beinah anachronistisch anmutet, so gar nichts gemein hat mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins moderner Liebender, sondern mit ihrer Gewalt die Grundfesten desjenigen erschüttert, der von ihren Pfeilen getroffen wird.

Wenn Jack White also in dem neuen Album der White Stripes wütend singt: "You don't know what love is, you just do as you are told", so würde ich mir wünschen, der dermaßen Angeklagten Schuttings neuen Roman zum Geschenk zu machen, dieses wunderbare Tagebuch über ein Jahr der Liebe eines wahrhaft "zu lieben Hochbegabten."

 

Martina Wunderer
26. Juni 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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