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Heinrich Steinfest: Die feine Nase der Lilli Steinbeck.

Kriminalroman.
München, Zürich: Piper, 2007.
347 S.; brosch.; Eur 12,-.
ISBN 978-3-492-27137-0.

Heinrichs Steinfests siebter Krimi führt in sämtliche Sphären: ins Erdinnere, auf die Erdoberfläche und in die Lüfte, und das mit einem Spin, dass einem schwindelig wird. Den Ausgang nimmt die Geschichte allerdings beschaulich in einem adretten Einfamilienhaus, mutmaßlich in Wien, wo sich der Zoologe Georg Stransky fragt, wie er eigentlich zu seinem Glück gekommen ist und warum er eine Saat ernten darf, die er nicht gesät hat. Die Frage hat ihre Tücken. Ausreichend Zeit, eine Antwort zu finden, bleibt ihm nicht, denn ein Apfel, der durch die Fensterscheibe segelt, verpasst der Idylle ein Ende.

Der Apfel ist - wie man seit Schneewittchen weiß - natürlich vergiftet und der frugale Tod damit zum Beißen nah. Stransky verleibt sich die verbotene Frucht ein und die Anästhetika tun ihre Wirkung, die Vertreibung aus dem Paradies nimmt ihren Lauf: Stranksy wird entführt und das Spiel kann beginnen.
Gamemaster ist bei Steinfest nicht Gott, womit die Moral als Spielregel ausgedient hat. Die Fäden im Spiel mit realen Charakteren ziehen zwei gleichstarke Frauen, die selbst im Bösen Züge einer Maria lactans tragen und im Guten an den barmherzigen Samariter erinnern. Männer spielen eine untergeordnete Rolle, Frauen haben in der Erzählung das Sagen: Mit magischen Eigenschaften wie Kochen oder Denken ausgestattet, schlagen sie selbst bis an die Zähne bewaffnete Spezialeinheiten des Militärs in die Flucht.

Heinrich Steinfest hat ein ausgesprochenes Händchen für Figurenzeichnung, was er etwa bei seiner Ermittlerin Lilli Steinbeck beweist, die die Männerwitze aus den Amtsstuben vertreibt. Über verbissene Feministinnen heißt es, dass sie "emanzipiert wie versteinerte Eier [sind], die man also nicht mehr auszubrüten braucht". Über die überforderte Mutter eines Schrei-Babys ist zu lesen: "In der Mitte dieser häuslichen Ordnung, vor dem Hintergrund eines schwach errötenden Morgenhimmels, stand eine junge Frau, eine weiße Windel über die eine Schulter, das schreiende Kind über die andere gelegt. Eine Gewichtheberin des Lebens."

Was einem Steinfest nicht bietet, ist eine tarierte psychologische Realistik. Dazu ist sein Erzähler, der mit aberwitzigen philosophischen Einschüben aufwartet und in einer Fußnote auch einmal die Figuren korrigiert, viel zu mundfertig und unverfroren. Gemäß der inneren Logik des Buches sind die meisten Figuren auf eine Eigenschaft fokussiert: Unverwundbarkeit, Spürsinn, Undurchschaubarkeit.

"Die feine Nase der Lilli Steinbeck" ist - wenn solche Parallelisierungen erlaubt sind - 3D-animierten Kampf- und Strategiespielen nachempfunden, wo es gilt, eine Aufgabe zu bewältigen, ein Menschenleben zu retten. Spiele wie Tomb Raider werden im Text auch tatsächlich erwähnt. Die klassische Ausgangsposition hierbei lautet: Gut gegen Böse. Es gibt verschiedene Welten, die Figuren haben wechselnde Tools, die sie situationsbedingt nützen: Hubschrauber, Segelboote, Flugzeuge, verschiedene Waffen und Verkleidungen. Es gibt wichtige Spieler und bloße Randfiguren ("Für die zwei Männer im Flugzeug freilich war das Spiel vorbei. [...] Sie zählten nicht, diese Figuren") - da erübrigt sich auch die im realen Leben unabkömmliche Ethik des "Jeder ist gleich". Die Charaktere selbst befragen ihren Fiktionalitätsstatus und empfinden sich als Teil eines Spiels.

Je weiter man mit der Lektüre voranschreitet, desto mehr fühlt man sich an Filme wie "eXistenZ" erinnert, wo man einem Mindfuck erliegt, das heißt allmählich nicht mehr weiß, auf welcher "Wirklichkeits-"/Virtualitätsebene man sich befindet. Es wird immer toller, immer skurriler, immer globaler, wie die Waffen mit internationalen Dichternamen (Verlaine, Pessoa) und die exotischen Schauplätze zeigen. Die Erde ist ein Spielbrett einer very happy few, die ohne ersichtlichen Grund eine Schnitzeljagd im Reality-Format initiiert.

Souverän und immer überraschend spannt Steinfest den Bogen von den plumpen Dodos bis zu einem geheimen französischen Marsprogramm, überzeugt im Großen wie im Detail. Die Figuren gewinnen aus dem Plot und der Plot wiederum aus den Figuren, und das Ergebnis ist wirklich lesenswert, temporeich und sprachlich sehr originell. Und gerade weil hier so untertourig gefahren wird, erweist sich manche Bemerkung über den Sinn des Lebens auch für den Leser als weiterführend. Und sei es nur, dass man sich zu überlegen beginnt, ob der eigene Beruf der richtige ist oder das Heil nicht doch eher in der Zoologie, in der Giftkunde oder im Polizeidienst liegt.

 

Kristina Werndl
24. August 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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