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Sabine Scholl: Sprachlos in Japan.

Notizen zur globalen Seele.
Wien: Sonderzahl, 2006.
147 S.; brosch.; Eur 16,-.
ISBN 3-85449-257-X.

Link zur Leseprobe

In der Form eines Tagebuchs, das vom 4. 10. 2003 bis zum 14. 3. 2004 reicht, schildert Sabine Scholl ihre Erfahrungen als Gastprofessorin in Nagoya/Japan. Zugleich ist ihr Buch aber ein Buch über das Fremdsein an sich, über Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit, über kulturelle Differenzen und Kulturtransfers. Denn die Autorin war, bevor sie für ein halbes Jahr nach Japan ging, bereits als Lektorin in Portugal, Chicago und New York tätig. Außerdem ist sie mit einem Franzosen verheiratet und hat zwei Kinder, die mehrsprachig aufwachsen. Das alles prädestiniert sie zur Verfasserin eines Textes, der nicht zu Unrecht im Untertitel den Zusatz "Notizen zur globalen Seele" führt.

Japan ist für die Autorin nur ein Land unter vielen, die sie bewohnt hat und die sie in ihrem Buch kontrastiv ineinander blendet, ineinander spiegelt und bricht. Japan ist letztlich nur der Auslöser für eine Reflexion über das moderne Nomadentum und über das, was Richard Sennett einmal die "Drift" des "flexiblen Menschen" genannt hat: die drohende soziale Verkümmerung des global players, der Familie und Freunde auf dem Altar der Karriere opfert und meist zu spät realisiert, dass die soziale Vereinsamung, unter der er zunehmend leidet, irreversibel ist. So muss auch die Erzählerin in Scholls Tagebuch am Ende feststellen, dass sie dort, wo sie einmal zuhause war, nicht mehr "willkommen" ist, dass ihr "Platz" "besetzt" ist: "Ich finde nicht mehr zurück in mein früheres Leben. Als ich ankomme, ist T. schon weg, nach Spanien geflogen." So die bedrückenden Schlussworte ihres Tagebuchs. T. ist der Ehemann, dessen Verlust der Tagebuchschreiberin, je länger ihre Abwesenheit dauert, umso wahrscheinlicher erscheint.

Nichts anderes besagt auch das Motto, das Sabine Scholl ihrem Text vorangestellt hat: "Global souls are seen as belonging to a kind of migratory tribe, able to see things more clearly than those imprisoned in local concerns can, yet losing their identity often as they fall between the cracks." Das Motto stammt von Pico Iyer, Journalist, Autor und Essayist, der selbst eine "Global Soul" ist, so der Titel des Buches, dem das Motto entnommen ist. Iyer hat als Engländer indischer Herkunft viele Jahre in den USA verbracht, lebt inzwischen in Japan, ist mit einer Japanerin verheiratet und hat zwei Kinder mit ihr. Dass die Verheiratung und scheinbare Assimilation weder die Sprach- noch die Kulturbarrieren gänzlich aufhebt, ist jedoch eine der ernüchternden Thesen Scholls. Identitätsverlust und Sprachlosigkeit sind die Stigmata des Emigranten und nicht selten erwachsen aus der Wirtschaftsmigration soziale Konstruktionen, die sich selbst ad absurdum zu führen scheinen. Vom peruanischen Aupair-Mädchen, das sich in der berufsbedingten Abwesenheit der Erzählerin um deren Kinder kümmert, schreibt diese: "Ihre eigene Tochter hat sie in Peru zurückgelassen, um auf meine Kinder aufpassen zu können, um sich und ihrer Familie ein besseres Geld zu verdienen. Ich musste sie engagieren, weil ich meine Kinder zurückließ, um in Japan für meine Familie ein besseres Geld zu verdienen."

Mit zunehmender Dauer des Erzählens distanziert sich Scholl immer deutlicher von dem allzu positiven Bild, das Iyer von den "global souls" zeichnet: "Im Gegensatz zu den globalen Seelen des Journalisten Pico Iyer, die sich in männlichen Business- und Journalismuskreisen, ausgestattet mit Firmenkreditkarten durch die Kontinente und Flughafenlounges treiben, bin ich vor allem mit dem weiblichen und ärmlichen Part der sich zwischen den Kulturen Bewegenden beschäftigt - was weniger glamourös und souverän abläuft. Uns Abenteuerinnen werden keine Umzüge und Reisespesen bezahlt, unser Visum ist meist eine Hilfskonstruktion, das Interview mit dem Einwanderungsbeamten oft ein waghalsiges Geschichtenerzählen."

Dass die Autorin als Gastprofessorin in einer unheizbaren Wohnung leben musste, scheint nicht ganz nachvollziehbar, denn meines Wissens verdienen Universitätslektoren und -professoren in Japan ganz gutes Geld. Und dass sie sich selbst mit dem peruanischen Aupair-Mädchen statt mit den Business- und Journalismuskreisen des Pico Iyer identifiziert, mag eher von der Brüchigkeit ihrer Autorenexistenz herrühren als von der realen sozialen Stellung von Universitätsangestellten in Japan.

Wer etwas über japanische Seltsamkeiten wie High-Tech-Klos, TV-Shows und Kimonos erfahren und zugleich eine gediegene, über den lokalen Schauplatz Japan hinausgehende Reflexion über Kultur und Differenz lesen will, dem sei Scholls Buch nachdrücklich empfohlen. Es ist kein weiteres Buch eines japangereisten Autors, wie es deren inzwischen zahllose gibt, sondern es ist durchaus ein Buch mit eigenem Anspruch, nämlich jenem, Reiseanekdote und Selbstreflexion mit Kulturkritik zu verbinden, also auf seine Art durchaus traditionelle Reiseliteratur, allerdings mit einem (post-)feministischen Background.

Nicole Streitler
14. Februar 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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