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Simone Schönett: Nötig.

Erzählung.
Weitra: Bibliothek der Provinz, 2005.
127 Seiten, geb., Eur 15,-.
ISBN 3 85252 687 6.

Das Ausloten von Abgründen und Bedrohungen, der Grenzen des Erträglichen und dessen, wozu wir fähig sind, ist sicherlich eine der spannendsten Aufgaben von Literatur. Die literarische Figur geht ihren Weg konsequent bis zum bitteren Ende. Und wir folgen ihr, unbehelligt, von der warmen Stube aus. Das gibt dem Lesen zuweilen den gewissen Kick. Unter anderem.
Simone Schönetts Figuren verlangen nach härterer Kost. Sie habens "NÖTIG", wie schon der Titel der Erzählung verrät. Die Restauratorin Sabine hat ihr(en) Alltag so fest im Griff, dass er sie zusehens langweilt. Mann, Kind, Geschäfte machen und das traute Heim mit dem gläsernen Anbau sind ein Alle-Tage-Mosaik, in dem kein Platz bleibt für Spannung, Herausforderung und Abenteuer. Das Leben lebt sich wie von selbst, mit ewig gleichen Ehesprüchen; was einst idyllisch war, wird farblos fade. Und ein Zwang.

Das Wilde, Andere, Ungezähmte wartet nicht weit weg im Chat, mit Sado-Maso-Spielchen, die einer zeigen, dass sie klein und unterwürfig werden kann, wenn einer es nur streng genug verlangt. Der Wolf und die Wal, so nennen sie sich und treffen einander alsbald im Kaffeehaus, wo nicht die Freiheit wartet, sondern neue Regeln. Nur von einem anderen auferlegt als der täglichen Notwendigkeit. Willkürlich statt vernünftig. Von einem Zwang zum nächsten. Nur dass an den neuen Zwängen das alte Leben zerbricht.

Schönett ist nicht nur das Kunststück gelungen, pornografische Szenen poetisch und trotzdem drastisch zu schildern, sie lässt die verzweifelte Langeweile der Protagonistin, die Gier nach Neuem und die Lust am Abseitigen lebendig werden und nachvollziehbar. Sie zieht den Leser geradezu in ihren Bann. Das geschieht vor allem durch präzise Beobachtung und freimütige Schilderung selbst kleinster Regungen, kleinster Schwächen. Es ist kein Falsch an diesem Buch.

Neben ihrem literarischen Schaffen engagiert sich Simone Schönett für die Rechte der Jenischen, ihr erster Roman "Moos" erzählt ihre Großfamiliengeschichte. Nun hat sich ihre Literatur aber sozusagen selbstständig gemacht und widmet sich allgemeineren Themen. Die Erzählung "NÖTIG" hat absolut nichts mit Jenischen zu tun. Sie spielt in Wien, das ebenso gut New York oder Berlin sein könnte.
Bei der Lust an der Erniedrigung, der Sehnsucht nach Unterwerfung, der die eigentlich recht starke Persönlichkeit Sabine nachläuft, mag bei der einen oder anderen Leserin Wut und Widerwillen brodeln - das gehört dazu. Diese Autorin quält uns gerne und gekonnt. Und unterwirft uns, damit wir spüren, wie sich's anfühlt, in Sabines Haut zu stecken. Sie fühlt sich selber schließlich auch nicht wohl darin und ist nervös.

Damit nicht genug, beschränkt sich Simone Schönett aber keineswegs auf die Sichtweise ihrer Hauptfigur. Sie zerlegt das Unaufhaltsame der Geschichte auch in die einzelnen Rollen der Beteiligten, wir schlüpfen in Peter und den Wolf, in den Ehemann und in den Fremden aus dem Chat. Sie zeigt uns, dass auch der Familie hat, ein ganz normales Leben, das auch ihm nicht reicht. Auch er sucht Kick und Abenteuer, den Sex der anderen Art, das Spiel. Simone Schönett nimmt ihm den Nimbus, holt ihn auf den Boden des Realen. Was von dem Wolf noch übrig bleibt, ist Mensch. Und der Ehemann hingegen wäre selber gerne Wolf.

Eine Reihe von Missverständnissen, unausgesprochenen Wünschen und der Wolf im Menschen als des Menschen Wolf geben sich ein Stelldichein mit Dildos, Latex, Macht und Schwäche. In uns allen schlummert die Bestie, schleudert uns der Text entgegen, nur sieht sie bei jedem anders aus. In einer Nebenhandlung heiratet Freundin Ella "ihren" Kurden dann doch nicht, bevor er abgeschoben wird; sie scheut die Verantwortung, wenn es ernst wird. Für sie war es ein Spiel, für ihn ging es um Leben und Tod. Diese Bestie braucht kein Sado-Maso.

Beeindruckend ist nicht nur die Kompromisslosigkeit des Erzählens, sondern auch der Stil. Präzise, schlicht, poetisch, keine Floskeln, keine abgegriffenen Bilder. Die nackten Worte sprechen für sich, nichts soll verschleiert werden, das Thema Macht in der Beziehung ist kompliziert genug, die Einfachheit der Sprache steht dagegen. Aber es hilft alles nichts, Spiel und Ernst sind kaum zu trennen. Kein Wunder, dass man sich darin verstrickt.

 

Sabine Dengscherz
1. März 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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