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Heinrich Steinfest: Ein dickes Fell.

Kriminalroman.
München, Zürich: Piper Verlag, 2006.
603 S.; brosch.; Eur 15,50.
ISBN 3-492-27117-0.

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Manche Dinge würden gar nicht auffallen, wären sie nicht auffällig präsentiert. So wie man in einem Tresor etwas vermutet, das es zu entwenden lohnt. Oder in einem Fläschchen 4711 etwas Besonderes - vorausgesetzt es wird hinter einer Sicherheitstüre in Szene gesetzt und von einer Giftschlange bewacht: Chengs dritter Fall entpuppt sich als alchimistische Spurensuche. Heinrich Steinfest hat in "Ein dickes Fell" wieder einmal ein komplexes Beziehungsnetz gewoben, diesmal spinnt es Fäden bis in Diplomatenkreise, und bis in die verstaubten Winkel der Archive. Reich und Schön, Größenwahn und Metaphysik lustwandeln in der Albertina und treten sich dabei gegenseitig auf die Zehen. Und der norwegische Botschafter samt seiner Frau ist auch mit von der Partie. Bis er die Bühne vorzeitig verlässt. Kopfschuss. Und mitten drin Gott Smolek, die Spinne, die Verbindungsfäden schafft, ihres Zeichens unauffälliger Beamter, ein echter Wiener, der nicht untergehen will.

Ein echter Wiener auch der Detektiv, Markus Cheng, Österreicher mit chinesischen Wurzeln, die sich ausschließlich optisch offenbaren. Cheng spricht kaum ein Wort Chinesisch, hat keinen Hang zum Asiatischen, nicht einmal zur östlichen Küche, da schon viel mehr zum Kaiserschmarrn, zum Knödel oder Gulasch.
Ebensowenig wie typischer Chinese ist er typischer Detektiv. Seit der Unbill seines ersten Falls ("Cheng", vergriffen) einarmig unterwegs, gibt er sich trotzdem meist elegant, weil kultiviert. Und in ständiger Begleitung seines Dackel-Schäferhund-Mischlings Lauscher, der altersschwach am liebsten träge in der Wärme liegt und seine Windeln dem anstrengenden Gassigehen vorzieht. Cheng lässt ihn gerne in der Obhut anderer Leute, bevor die Fälle brenzlig werden. Und Lauscher lässt sich's gern gefallen, ein braver Hund und nonchalant.

Steinfests Kuriositätensammlung nimmt langsam Doderersche Dimensionen an, Chengs dritter Fall dehnt sich auf gut 600 Seiten aus, barocker Reichtum an Details und subtil schrägen Vögeln inbegriffen. Steinfest poltert nicht, er präsentiert kleine feine Respektlosigkeiten ironisch am Silbertablett. Passend zur feinen Gesellschaft, über die er schreibt. Und er übersieht dabei keineswegs das Edle eines Alt-Wiener Wirtshauses, das um nichts weniger wienerisch ist, wenn der Wirt mit unverkennbar ungarischem Akzent spricht. Der Adlerhof ist sozusagen der Pol des Guten, auch wenn das nicht unbedingt für alle seine Gäste gilt.

Auch Steinfests literarische Vorliebe für professionell mordende Frauen wird weiter ausgebaut. Nach der Agentin, die Cheng in seinem zweiten Fall ("Ein sturer Hund") in Stuttgart beinahe über die Klinge springen lässt, ist es nun eine sympathische Killerin und Mutter eines behinderten Jugendlichen, die mit ungeliebten Randfiguren aufräumt. Und dabei ihrer ganz persönlichen Taktik und Moral folgt wie ihr Sohn seinen Kartäuserfreunden beim Skateboardfahren. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Mehrere Geschichten hat Steinfest hier verflochten zu seinem Kriminaluniversum, in dem nicht unbedingt das Gute siegt (wer will schon entscheiden, wer denn überhaupt die Guten sind?), das ausgesprochen Böse dann aber doch ganz gerne einen Dämpfer kriegt. - Nicht selten einen letalen. Verhaftet, prozessiert und eingesperrt wird eher nicht. Wer überlebt ist meist schon aus dem Schneider. Die Fälle sind ohnehin viel zu verzwickt für den geraden Dienstweg. Und die Polizei mehr Freund und Helfer in der Not als Vollstrecker des Gesetzes. Das vollstreckt sich ganz von selbst nach einem höheren Modell. Zum Beispiel dem des Zufalls. Oder dem des Unglücks oder Glücks.

Cheng, lange genug verfolgt von Gefahr und Unglück, scheint nach seinem Stuttgarter und Kopenhagener Intermezzo, obwohl nicht ganz aus freien Stücken sondern sozusagen auftragsmäßig zurückgekehrt, hier doch ein ganz bescheidenes kleines Glück gefunden zu haben. Und er ist zumindest seinem Schicksal wieder einmal aus der Schlinge geschlüpft, im wahrsten Sinne des Wortes.

Neben der buchstäblich verwinkelten Handlung ist es vor allem Steinfests Art zu erzählen, die fesselt. Er erzählt metaphernreich und detailliert, stellt eigenwillige Vergleiche an und den Kapiteln Wittgenstein-Zitate voran und verfolgt seine Figuren bis in die Träume. Bei Chengs drittem Fall wechselt er auch ein Kapitel lang ohne Vorwarnung die Perspektive und lässt statt des auktorialen Erzählers eine Beteiligte zu Wort kommen: die Witwe des ermordeten norwegischen Botschafters. Es ist, als wolle er dem Leser mehr erzählen, als selbst der Erzähler es könne. Und am Ende ist es offenbar auch tatsächlich nur noch der Leser, der wirklich durchblickt. Denn am Ende sind die meisten anderen ohnehin schon tot, fast wie bei Shakespeare. Und der Autor lacht sich eins.

 

Sabine Dengscherz
5. April 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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