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Michael Stavaric: Stillborn.

Roman.
St. Pölten, Salzburg: Residenz 2006.
172 S.; brosch.; Eur 19,90.
ISBN 3-7017-1440-1.

Link zur Leseprobe

"A stillborn child" ist der englische Ausdruck für eine Totgeburt. Das Gefühl niemals gelebt zu haben - oder: ohne Seele zu sein - ist die Ausgangslage der Ich-Erzählerin in Michael Stavarics erstem Roman. Aufgrund dieser Thematik und des Namens seiner Figur Elisa Frankenstein Vergleiche mit Mary Shelleys gothic novel "Frankenstein" anzustellen, wäre zwar spekulativ, aber nicht unergiebig. (Immerhin, die Ziehschwester und spätere Braut jenes Dr. Frankenstein, der das Monster erschafft, heißt Elizabeth...)

Stavarics Elisa ist - zumindest dem Anschein nach - ein Wesen der Gegenwart und arbeitet in Wien als Immobilienmaklerin. Ihr gestörtes Existenzempfinden versucht sie mit Hilfe eines Psychiaters in den Griff zu kriegen. So ist der Roman im Grund eine ausschweifende Beantwortung therapeutischer Fragen, ein Monolog, der sich an den "Herrn Doktor" richtet. Die typische Krise der 35-Jährigen, könnte man denken, mit der Zeit wird aber klar, dass mehr dahinter steckt.
Die psychische Ausnahmesituation schafft sich zwar Ventile, setzt aber nicht gleich die Selbstkontrolle außer Kraft. Ihre sexuelle Beziehung mit einem Pferdhengst, zum Beispiel, hält die Ich-Erzählerin eher geheim (obwohl das vermutlich eine Vorliebe ist, die abertausende TierbesitzerInnen teilen). Für Arbeitskolleginnen, Kunden und ihren (menschlichen) Liebhaber täuscht sie recht erfolgreich Normalität vor, - ohne sich jemals in der Selbstverständlichkeit verlieren zu können. "Lebe" und "Atme" ruft sie sich wie zur Reanimation andauernd selbst zu. Das poetische Motiv der Totgeburt ist also sehr vordergründig (und nicht immer ganz plausibel) eingesetzt.

Die Wurzel des Übels liegt offenbar in der Kindheit. Ihre Mutter Grete, die eines Tages an einer oberösterreichischen Landstraße auftaucht, als wäre sie vom Himmel gefallen, beschreibt Elisa als Frau ohne Biografie. Niemals erzählt die Mutter ihrer Tochter etwas über ihre Herkunft und was sie vom Vater erfährt, ist nicht verifizierbar. Im Dorf werden sie als Außenseiter geächtet, dort richten sich die Zeigefinger der anderen Kinder gegen das Mädchen, um es zu blamieren und auszugrenzen.

Zum Ausgleich für das fehlende "Leben" begibt sich die Maklerin Elisa gerne nächtelang in leer stehende Wohnungen und erfüllt sie mit Szenen, die sie sich erträumt, an anderen beobachtet oder aus Geschichten kennt. Die unheilvolle Spirale von Depression, Manie, Abkapselung, dem Gefühl der Leere, das nur durch immer stärkere Reize durchbrochen werden kann usf. nimmt ihren Lauf - und führt nicht zur Genesung, soviel sei verraten.
Sprunghaft, fiebrig und in einem rasanten Rhythmus ist dieser Roman geschrieben. Die Gehetztheit der Figur überträgt sich und treibt zu schneller Lektüre des dicht verwobenen Textes. Dabei ist allerdings auf Details zu achten, die für das Verständnis der Krimihandlungen wichtig sind.

Der Krimi ist ja ein geeignetes Mittel, um die dunkle Seite der menschlichen Natur drastisch sichtbar zu machen. Nachdem einige der Wohnungen des Immobilienbüros, für das die Erzählerin arbeitet, in Flammen aufgehen, ermittelt die Polizei wegen Brandstiftung. Der zuständige Kriminalbeamte und Elisa Frankenstein verlieben sich ineinander. Durch ihn erfährt sie von einer ungeklärten Mordserie an damals gleichaltrigen Kindern in ihrem Heimatdorf, an die sie erstaunlicherweise keinerlei Erinnerung hat.
"stillborn" ist jedoch kein typischer Kriminalroman, auch wenn er sich manche Handlungselemente dieses Genres zueigen macht. Der Kommissar bleibt eine Randfigur und sowohl der sportliche als auch der moralische Aspekt der Ermittlung spielen eine untergeordnete Rolle.
Überhaupt liegt das Anziehende an diesem Roman nicht in einer bedächtigen Ausgereiftheit narrativer Mittel, sondern in seiner sprachlichen Elektrizität. Sie bewirkt, dass einen die nervöse Erregung, mit der das Fräulein Frankenstein wortreich den Abgrund umkreist, in den es zu stürzen droht, beim Lesen mit erfasst. Stavaric verfällt nicht jener anbiedernden Glätte, die in der Prosa häufig als meisterlich gelobt wird, und zeigt trotzdem eine gute Möglichkeit, literarischen Anspruch mit Lesbarkeit zu verbinden.

 

Christine Rigler
16. Mai 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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