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Heinrich Steinfest: Nervöse Fische.

Kriminalroman.
München, Zürich: Piper Verlag, 2004.
317 S., brosch.; Eur 8,90.
ISBN 3-492-24280-4.

Link zur Leseprobe

Aarachne, Bastei-Lübbe und jetzt Piper: Heinrich Steinfest hat sich mit seinen Büchern in die kriminalistische Oberliga geschrieben - angesichts des Hype, den das blutrünstige Genre, das längst die merkwürdigsten Blüten treibt (man denke an von katholischen Geistlichen geschriebene sogenannte Priesterkrimis), seit ein paar Jahren erlebt, ein weiter Sprung. Der Österreicher mit australischen Wurzeln und ständigem Wohnsitz in Stuttgart hat es geschafft, aus dem Chor der Stimmen herauszuklingen.

Den Kritikern fällt zu Heinrich Steinfest meist das Apostroph 'originell' ein und tatsächlich besticht der Autor mit ungewöhnlichen Figuren in ungewöhnlichen Szenarien. Ein Mord ist bei ihm nie einfach nur ein gewaltsam ums Leben gekommener Toter, notwendiger Auftakt zum Whodunnit. Bei ihm stirbt es sich nicht so leicht. Im jüngsten Krimi "Nervöse Fische" etwa treibt das Opfer im Swimmingpool auf dem Dach eines Wiener Hochhauses. Er ist jedoch nicht ertrunken, wie man meinen könnte, sondern wurde von Haien zu Tode gebissen. Ein unmöglicher Spagat? Nicht für Heinrich Steinfest. Sein Wittgenstein lesender Chefinspektor Richard Lukastik weiß aus dem berühmten Tractatus logico-philosophicus, den er immer bei sich trägt, dass es keine Rätsel gibt. Derart von philosophischer Gelassenheit umweht ist er sich sicher, dass sich auch dieser Mordfall quasi wie von selbst klären wird, als wär's ein Frühlingsspaziergang im Prater.

Ganz ohne Umwege gelangt Richard Lukastik dann doch nicht ans Ziel. Der Mordfall kostet ihn beinah das papierene Leben und die Erklärung, die er für die Haibisse findet, hinkt - es muss gesagt sein - mit einem ordentlichen Klumpfuß durch besagte Praterauen. Die Lösung des Falls kann man bestenfalls originell nennen, schlüssig nicht.

Dafür entschädigt Heinrich Steinfest den Leser mit Stilsicherheit und fein geschliffener Klinge. Mit ein paar leichten Federstrichen ersteht genauso viel Wiener und niederösterreichisches Lokalkolorit wie der Krimi braucht. Tempo und Spannung lassen auch nichts zu wünschen übrig und selbst bei den Nebenfiguren gelingen dem Autor kleine Perlen, jede mit ihrer eigenen charakteristischen Färbung. Allen voran ist es aber Chefinspektor Lukastik mit dem ausgeprägten Hang zur Zwangsneurose, der den Krimi trägt. "Unbegründbare Ordnungsprinzipien" nennt es Steinfest, wenn sein Schnüffler Zigaretten nicht ausdämpfen kann (sie müssen am Filtermundstück verglühen), wenn er Früchte nur mit der linken Hand pflückt, niemals zwei Bücher gleichzeitig aus dem Regal zieht und seine beiden Zeigefinger kurz auf die Lippen des geschlossenen Munds legt, sobald er einen fremden Raum betritt. Seine autistische Pedanterie, die logisch-unlogischen Wege, die er einschlägt, sind absolut glaubhaft, ja zwingend. Lukastik ist ein klassischer Antiheld, der aber den Klassikern des Genres durchaus das Wasser reichen kann.

In "Nervöse Fische" führt ihn ein abgebrochener Zahnsplitter im Fleisch des Toten zu einem Haiexperten, ein Hörgerät zu einer hypermodern Tankstelle, die wie ein absurder Fremdkörper in ländlicher Abgeschiedenheit hockt. Beim örtlichen Friseur namens Sternbach findet Lukastik seinen ersten Zeugen, schließlich praktischerweise auch gleich den Täter. Zwischenzeitlich landet er in einem exklusiven Sanatorium, bis er zum großen Finale an den Ort des Geschehens zurückkehrt, wo schon ein Rudel Haie seiner harrt.

In diesem grob skizzierten Handlungsbogen verstecken sich einige großartige Szenen. Wie der Autor etwa erklärt, warum im Büro des Chefinspektors ein spätbarockes Altarbild von Paul Troger hängt, ist wunderbar. Niemand könnte den überdimensionalen Schinken besser dorthin fantasieren als er. (S. 47ff.) Manchmal strapaziert Steinfests Hang zum Originellen den Leser aber auch bis an die Schmerzgrenze und die Schlüssigkeit des Plots leidet darunter. Dann sehnt man sich streckenweise nach einem stinknormalen, geradlinigen Krimiverlauf oder einer ganz und gar grauen Figur wie nach einem Bissen trockenen Brotes auf einem überladenen Buffet.

Chefinspektor Richard Lukastik ist es zu verdanken, dass der Krimi nicht abstürzt. Seine seitenfüllende Persönlichkeit tröstet darüber hinweg, dass das Buch stellenweise konstruiert wirkt und der Mörder längst entlarvt ist, bevor die letzte Klappe fällt. Für Lukastik gilt Wittgensteins Satz: "Die Substanz ist das, was unabhängig von dem, was der Fall ist besteht."

 

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