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Hamid Sadr: Der Gedächtnissekretär.

Roman.
Wien: Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, 2005.
239 S.; geb.; Eur[A] 20,50.
ISBN 3-552-06006-5.

Link zur Leseprobe

Der Staub ist allgegenwärtig und das zersplitterte Glas. Es ist noch immer Krieg. Doch die gehetzt davon stürzenden Menschen und die angstvollen Gesichter sind ausgeblendet. Dafür sieht man aufgerissene Straßen und brennende Häuser... Herr Sohalt hat die Schrecken des zweiten Weltkriegs an der Zerstörung einer Stadt festgemacht. Er hat das zerbombte Wien in überbelichteten und unterbelichteten Kleinformaten fotografisch dokumentiert. Menschen stören da nur. Gegen Kriegsende zählen die Verwundeten, die Toten und die Panischen nicht mehr. An die hat man sich gewöhnt, sie hat der Krieg inflationär ausgespieen.

Ein halbes Jahrhundert später geht es für den alten Nazi allmählich ans Sterben. Als letzte Tat will er einen Bildband mit seinen Fotos veröffentlichen. Das soll sein Vermächtnis an die Welt werden. Doch die Erinnerungen sind brüchig geworden im Lauf der Jahre, Straßennamen haben sich geändert, Häuser wurden gebaut, andere abgerissen. Herr Sohalt fühlt sich zu alt für die notwendigen Recherchen. Also sucht er einen Gehilfen, einen Gedächtnissekretär, wie es so schön poetisch heißt.
Dieser, ein gebürtiger Perser namens Ardi, ist bereit, die Laufarbeit zu erledigen, anfangs ist es nur ein mies bezahlter Studentenjob, nichts weiter. Doch das ändert sich, als Ardi mit den vergilbten Bildchen und ein paar handgeschriebenen Sohalt-Notizen auf einsamen Plätzen oder auch an belebten Straßenecken steht und die Schauplätze zu vergleichen beginnt. Da bekommt das freundlich lächelnde Wien auf einmal überall Sprünge und Risse. Die Stadt verzerrt sich ihm zur grausigen Fratze.

Er kann nichts dagegen tun, immer stärker wird er in den Sog der Geschichte, die gar nicht seine ist, gezogen. Ardi geht bald nicht mehr an die Universität. Er verliert seine Wohnung, weil er sich nicht mehr darum kümmern kann, die Miete aufzubringen. Er schlüpft irgendwo unter und landet schließlich, nachdem Herr Sohalt ins Krankenhaus musste, sogar in dessen Altbauwohnung, die ihm unsägliche Erinnerungen ins Ohr flüstert. Ardis Blick auf die Realität verwirrt sich mehr und mehr. Einsamkeit umhüllt ihn wie ein dicker Wintermantel. Oft wagt er sich nicht einmal mehr auf die Straße, um einzukaufen, weil draußen die Bomben fallen und die Geschütze vom Flakturm in der nahen Stiftskaserne pausenlos rattern. Er verdunkelt die Wohnung und hofft auf das Ende des imaginären Kriegs.

Dem persischen Autor Hamid Sadr, der im Zuge der iranischen Revolution 1968 nach Österreich kam, gelingt es mit seinem beklemmenden Roman, den er aus Ardis Perspektive erzählt, aus der Unmenge von Erinnerungsvorhaben und Projekten herauszustechen, die anlässlich der diesjährigen Jahrestage auf den Markt geworfen werden. Ungewohnt ist der Blickwinkel, den er gewählt hat, fesselnd sein Stil. Hamid Sadr versteht es, den Leser in Bann zu schlagen, so sehr, dass er stellenweise darauf achten muss, nicht mit dem Gedächtnissekretär in den Strudel gerissen zu werden.
Dem Roman ist jedenfalls zu wünschen, dass er die Jahrestage unbeschadet übersteht und auch noch nach 2005 aus den Bücherregalen geholt wird.

 

Anne Zauner
9. Mai 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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