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Stefan Slupetzky: Absurdes Glück und Der Fall des Lemming.

Absurdes Glück.
Bittersüße Geschichten.
Wien: Picus, 2004.
114 S.; geb.; Eur[A] 14,90.
ISBN 3-85452-476-5.

Der Fall des Lemming.
Roman.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004.
254 S.; brosch.; Eur[A] 12,40.
ISBN 3-499-23553-6.

Link zur Leseprobe

Stefan Slupetzky veröffentlichte im Frühjahr 2004 zwei sehr unterschiedliche Bücher, die eines gemeinsam haben: Wien ist in ihnen mehr als nur ein neutraler Schauplatz. "Der Fall des Lemming" ist ein Kriminalroman und wartet mit einer Hauptfigur auf, die für dieses Genre typisch, dabei jedoch ausgesprochen wienerisch ist. Kriminalgruppeninspektor Wallisch - Spitzname "der Lemming" - wurde aus dem Polizeidienst entlassen, weil er sich im Vollrausch als Nacktflitzer betätigte. Nunmehr als Privatdetektiv untergekommen, macht er sich auf, um einen vermeintlich untreuen Ehemann zu observieren. Dabei verstrickt er sich in eine Mordgeschichte, deren Aufklärung der Lemming zu seinem persönlichen Anliegen macht. Der Beruf des Detektivs verlangt den Einsatz bis an die Grenzen und bleibt in diesem Roman nicht unbelohnt, wenn der gescheiterte Held seinen Gegenspieler und ehemaligen Chef bei der Polizei - einen brutalen, widerlichen, rassistischen Menschen - übertrumpft, die Schmach seiner unehrenhaften Entlassung auf diese Weise wettmacht und auch noch seinem Privatleben eine glückliche Wendung geben kann.

Die facettenreiche Tragödie, um die es hier geht, ist unter anderem mit einer historischen Dimension (NS-Zeit) ausgestattet. Ein pensionierter Lateinlehrer wird ermordet und posthum als übler Sadist entlarvt, der den Schülern das Leben zur Hölle machte. Seine Unterrichtspraxis löste in einer schon lange abgegangenen Klasse eine Reihe von Katastrophen aus (Mord an einem jüdischen Vater, Selbstmord, Flucht), die niemals aufgeklärt wurden, aber in der Psyche der Überlebenden zerstörerisch weiterwirkten. Insofern haben die Recherchen und die Aufdeckung auch einen gruppentherapeutischen Effekt.

Eine Abweichung von den Vorgaben des durchschnittlichen Detektivromans ist die etwas größere Informationstiefe. Orte und Figuren (oder zumindest der bessere Teil von ihnen) haben Vergangenheit. Der Autor bleibt auch sprachlich dem Milieu treu, das er darstellt und schmückt den allgemein pointen- und phrasenreichen Erzählstil mit blumigen Dialektausdrücken (die in einem Glossar für Nicht-Wiener erklärt werden), ohne in aufdringlicher Weise Lokalkolorit zu verbreiten. Wenngleich es sich bei diesem Krimi nicht um ein Meisterstück erzählerischer Raffinesse handelt, so ist er doch solide und unterhaltsam gemacht.

Phantastischer Realismus wäre ein Schlagwort, mit dem man Slupetzkys Erzählband "Absurdes Glück" beschreiben könnte. Nicht wenige der 14 Prosastücke sind ebenfalls dem Wienerischen auf der Spur, dominiert von phantastischen und fabelartigen Erzählinhalten, die manchmal wiederum auf einen bodenständigen Pragmatismus treffen.

Die Suche nach dem Glück ist in der Mehrzahl der Fälle gleichbedeutend mit der Suche nach der Liebe, und nach der sehnen sich bei Slupetzky nicht nur Menschen, sondern auch Tiere (zwei Schäfchen, die von einem einschlafenden Kind gezählt werden) oder Gegenstände (Schuhe). In einem der Stücke huldigt der Autor dem Zufall als Triebkraft des Schicksals, indem er Hitler auf der Straße in eine junge Frau hineinrennen lässt und mit dem Gedanken eines anderen Geschichtsverlaufs als Folge dieser Begegnung spielt. Immer wieder schimmert in diesem Buch Slupetzkys zweite Profession - die Bildende Kunst - durch. Da leidet zum Beispiel ein Mann an einer Krankheit, die seine Gliedmassen und Körperteile wandern und an unpassenden Stellen wieder auftauchen lässt. Dieses Motiv der körperlichen Transformation ist in der visuellen Vorstellung jedoch faszinierender als die Erzählung davon.

Stilistisch wechselt der Autor je nach Geschichte zwischen einem ausführlicheren Erzählton und lakonischen Ableitungen mit schlichtem Wortwitz. Die auf äußerste Dichte angelegte Erzählform, die Slupetzky hier wählte, soll Tiefsinn, Humor, Ironie, Tragik, Alltägliches und Absurdes verbinden und federleicht verpacken. Sicher ist die eine oder andere Geschichte ganz amüsant, manche jedoch basieren auf abgegriffenen Motiven oder zünden einfach nicht richtig. Was dem Buch fehlt, ist die poetische Souveränität, die den Reiz dieser Art von Literatur ausmachen könnte.

Christine Rigler
30. Juni 2004

Originalbeitrag

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