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Robert Stähr: Karte.

Prosa.
Wien: edition selene, 2003.
95 S.; brosch.; Eur[A] 14,90.
ISBN 3-85266-219-2.

Link zur Leseprobe

Wie eine geografische Karte beschreibt dieses Buch topografische Details. Ebenso genau, ebenso nüchtern zunächst.

Der Erzähler nähert sich einem Ort, nennt ihn nicht, allwissend reiht er eine Beschreibung an die andere. Er erklärt die Entstehung der Landschaften, füttert den Leser mit Informationen wie in einem Geografie-Lehrbuch. Suggestive Landschaftsdarstellungen und Naturschilderungen, nur ein, zwei Seiten kurz, dann wechselt der Erzähler die Perspektive, erzählt von einem anderen Ort, kehrt später wieder zurück. Dieses Changieren zwischen den Orten zieht sich durch das ganze Buch, ein ständiges Annähern und Verlassen, Abbrechen und Wiederaufnehmen.

An vielen Stellen baut der Erzähler nach der Aneinanderreihung genauer und präziser, emotionsloser Sätze plötzliche Brüche ein, wie hier: "Nach besonders intensivem Niederschlag steht das Gras bis zu einem halben Meter hoch. Die Halme gewinnen an Messerschärfe." Zwischen den Beschreibungen blitzen Fragmente von Geschichten auf, vereinzelt erst, später ausführlicher. Quasi im Schnelldurchlauf werden Menschenschicksale dargestellt, fast forward, sodass durch die hohe Erzählgeschwindigkeit die Identifikation mit den Figuren verhindert wird.

Geschildert werden die Hallig Hooge in der Nordsee, Haight Ashbury, eine Wüstenlandschaft mit Oasen, der Prenzlauer Berg in Berlin, Romaia Tepui, die Klosterinsel Oros. Gemeinsam ist diesen Schauplätzen, dass sie exzeptionelle Räume sind, Grenzräume etwa, isolierte und gefährdete Orte, die nicht für jedermann offen sind, auch codierte Orte. Die Oase etwa, die von einem dichten, undurchdringlichen Vegetationsgürtel umgeben ist, oder Oros, das nur Männern zugänglich ist. Nach und nach wendet sich der Blick des Erzählers den Menschen, den Figuren zu, beschreibt er Formen menschlichen Zusammenseins, etwa auf der Hallig Hooge: "Die Reinigung der Fenster nimmt jeder Bewohner selbst vor. Jedes Haus wird von einer Familie bewohnt, wobei kaum ein Paar mehr als ein Kind hat. Die Ehefrauen der meisten Männer (ausgenommen jene der Fischer) sind Hausfrauen, arbeiten ausschließlich im Haushalt." Und: "Sämtliche Bewohner der Hallig befolgen ein komplexes System von Regeln, welches für alle Lebenssituationen und den ganzen Jahreslauf das Verhalten der Leute bestimmt. Niemand weiß, wer diesen Kodex aufgestellt hat, keiner wacht über seine Einhaltung - trotzdem ist keine Regelverletzung bekannt." Ein Zusammenleben, das eingespielten Abläufen folgt, alles hat seine Zeit und seinen Platz. Die Figuren werden nicht als selbstbestimmte Individuen gezeichnet, sondern als in streng reglementierten Gemeinschaften stehende Menschen. Ob sie glücklich sind?

Diesen kontrollierten Orten entgegen zeichnet der Erzähler chaotische, wuchernde, ausufernde Orte, meistens sind es Stadtlandschaften, die von vereinzelten, vereinsamten Figuren bewohnt werden, die abnormale, destruktive Verhaltensweisen an den Tag legen, dadurch ihr Leiden äußern.

Wer erzählt? Kennt der Erzähler die Orte, die er beschreibt? Fantasiert er? Träumt er? Abstrahiert er aus der Lektüre von Reiseführern? Betrachtet er eine Karte? Nur selten spricht dieser Ich-Erzähler von sich selbst, einmal erwähnt er eine Begegnung mit einem Mann in einem Tanzsaal, die ohne Kommunikation bleibt, an anderer Stelle erzählt er (träumt er?), dass er seine Wohnung wechseln wird, sich verändern will: "Alles wird an seinem Platz sein." Und: "Das wird eine schöne Zeit werden."

Das Buch versammelt keine Reisebeschreibungen, vielleicht könnte man sie Ortszuschreibungen nennen? Es versucht eine Kartierung des Lebens, des Zusammenlebens vorzunehmen, dringt ins Archaische vor und blinzelt ins Apokalyptische.

"Karte" ist eine schmale, dafür um so dichtere Publikation, die spannend zu lesen ist, obwohl stringente Handlungsabläufe fehlen. Die Spannung entsteht aus dem gekonnten Überblenden der Orte und ihrer Kontrastierung, dem Wechseln der Perspektive. Stähr baut die Übergänge, die oft sehr hart sind, an der richtigen Stelle und gewinnt den Leser durch die Verwendung einer sehr klaren und überlegten Sprache.

Peter Landerl
22. November 2003

Originalbeitrag

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