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Leseprobe: Raoul Schrott - "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde."

IMMER DIE INSEL, so voller Geräusche. Das Schlagen der Wellen an den Strand; die zwei Elefantenrobben mit ihren Kälbern in der Bucht unten, schnaubend und stöhnend die ganze Nacht über; die im Gras nistenden Sturmvögel, gurrend und pfeifend, zahllose Vögel ununterscheidbar im Chor, ihr Crescendo im ersten Zwielicht. Maria, deren Schlaf davon nicht berührt wird; und ich, der über ihre Träume wacht. Pieter, der als erster aufsteht, um Tee aufzusetzen; das Knarren des Stockbetts im Nebenzimmer, das Knarzen der Bohlen unter seinen Füßen, ein Blubbern, wenn der Pott im Eimer volläuft, das Zischen von Butan, das leise Plopp dann beim Entzünden und das Klirren der Tassen am Tisch. Die letzten Augenblicke ein Festhalten am Dunkel, jeden Laut ausmalend zu einem Körper und seinen Bewegungen, irgendwo draußen, bevor das Schemenhafte seiner Umrisse sich verliert und nur mehr dem Licht gehört, das das fasrige helle Holz des Fensters streift, der Raum zu Ecken, Flächen und den wenigen Dingen darin zerfällt und die ersten Gedanken einsetzen, sich erinnernd, minutenlang zurückdenkend in der Zeit, zurück zu einem Anfang, ohne je ganz zum Jetzt zu finden. Dann brauchte ich mich nur umzudrehen zu Dir, mich an Deinen Rücken zu drücken, mein Kopf in Deinen Haaren, und war geborgen in Dir.
So setze ich mich vom Bett auf, und es ist die Kälte, die mich zurückholt aus der Nacht. Ich schlüpfe in die Kleider, drücke Maria einen Kuß auf die Wange, streife ihr eine Strähne hinters Ohr und greife nach ihrer Hand, bis sie mir auf dem Stockbett oben ihr Gesicht zuwendet, die Lider geschlossen. Zehn Minuten noch, sage ich, und wie jeden Morgen murmelt sie nur etwas und schläft weiter, während ich zur Warte gehe und die Daten auf dem Block notiere. Jedesmal bleiben ein paar winzige Splitter weißer Farbe von den Lamellen auf den Fingerkuppen kleben; seit sich eine Ammer in das Gehäuse zwängte und mir ins Gesicht flog, öffne ich das Gitter vorsichtiger. Windstärke. Wolkenhöhe. Tiefe Cirren mit Fallstreifen, auseinandergerissen: wie über die Stirn gefallenes Haar. Dann auf dem Holzsteg über den Morast zur Brücke, um mit dem Lot die Meerestemperatur zu messen. Schwach bewegte See, eine leichte Brise; die Kämme beginnen, sich zu brechen, der Schaum überwiegend glasig an den Felsen, vereinzelte weiße Schaumköpfe; Windstärke drei auf der Beaufort-Skala. Zurück in der Baracke Barometer und Barograph ablesen, damit Pieter es für das 06.00-Bulletin durchmorsen kann. Combrinks Aufgabe eigentlich; aber ich habe die erste Stunde dieses Tages lieber für mich allein, diese kurze, einzige Stille des Tages. (S. 34f.)

© 2003, Carl Hanser Verlag, München, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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