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Leseprobe: Brita Steinwendtner - "Die Steine des Pfirsichs."

Mein - Geliebter..., schrieb sie und es kostete sie große Mühe. Sie saß im Haus ihrer Kindheit und ritzte Buchstabe für Buchstabe mit einem Griffel in das Schelffen eines Kerns. Sie hatte Steine von Pfirsichen zwei oder drei Tage in Wasser gelegt, bis sich deren Schluß erweichte, sich die Schale gemach öffnen ließ und sie auf das Häutlein des Inneren schreiben konnte, was sie wollte. Für jedes Wort nahm sie einen neuen Kern. Mein - Geliebter - ist - Zart war die Haut der feuchten Kerne und leicht verletzbar und sie durfte sich nicht eilen. Hinter dem Haus stand der große Schlächter. Das panische Quieken des Schweins drang in die Stube. Schutzlos und Todesschrei fort und fort. Sie nahm die beschriebenen und unbeschriebenen Kerne und rannte in den Wald, den Berghang hinauf, bis zur Lichtung, wo der Felsblock in Moos eingewachsen war. Hier, so vermutete sie, lag das Grabmahl von Sture Mure. Sture Mure ist tot hatte sie in den Büchern gelesen.
Die Sonne färbte die Luft über dem Tal. Goldgrüne Wellen schlugen gegen die Bergwiesen und es duftete nach Harz und frisch gemähtem Gras. Bald wird wieder blaues Schneelicht sein, Monate ohne Sonne, ohne Wärme, Frost über erstarrter Welt. Sie möchte durch süße warme Gewässer gleiten und in schattige Abgründe tauchen, ganz tief hinunter, wo das Geheimnis verborgen liegt. Sie war auf der Suche danach, ein Leben lang auf der Suche. Aber auf den Lippen brannte der Geschmack der Bitternis und aus ihrem Himmel, der einst grenzenlos schien, war eine Leere und Stille geworden, sie selbst ohne Bilder, ausgehöhlt, eine Hülle über dem Nichts. Die Menschen lagen versteinert in den Nesseln und der Sturm trug fernes Glockenläuten wie geisterhaftes Gebimmel über eine tote Landschaft. Irgend jemand hatte ihr wie im Märchen das Herz gestohlen und sie war müde geworden, wie ihr immer alles genommen wurde, was sie liebte. Ich habe mich ergeben und würde meine Seele gerne zurückgeben, ich weiß nur nicht wem, kein Mensch mehr sein, sondern die Smaragdeidechse die sich auf Ostias Mosaiken sonnt. Ein Körper, der die Sonne aufnimmt, ein winziges Hirn, das nicht denken kann u. für das es nur Gegenwart gibt u. das nicht weiß warum ein Mensch es zertritt.

(S. 9f.)

© 2003, Edition Thanhäuser, Ottensheim an der Donau.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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