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Helmut Schönauer: Der eingecremte Blick auf Vilnius.

Roman.
Wien: edition selene, 2002.
152 S., brosch., EUR 14.90.
ISBN 3-85266-169-X.

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Das Baltikum hat Saison seit der letzten Frankfurter Buchmesse, und so schickt Schönauer den Protagonisten seines Romans auf Geschäftsreise nach Vilnius, wo man sich auf den bevorstehenden EU-Beitritt vorbereitet. Dabei sind bekanntlich Kultur-Kontakte besonders wichtig, und die werden auch liebevoll gepflegt, etwa wenn die österreichische Literaturdelegation mit einem imposanten Spruchband empfangen wird: EIN HOCH DEN DICHTERINNEN UND DICHTERN AUS ÖSTERREICHINNEN UND ÖSTERREICH! Was kann da noch schiefgehen???

Pannen gab es allerdings bereits genug, der Optik-Vertreter Hofer nähert sich seinem Reiseziel auf abenteuerlichen Umwegen. Die Annäherung an Beitrittskandidaten im Osten ist von Österreich aus nicht einfach und wird mit allen Mitteln erschwert: die Tyrolean-Maschine stürzt noch auf Heimatboden ab - direkt in ein Ursulinenkloster. Unser Held hat im Gegensatz zu seinen Reisegefährten überlebt und fragt sich nun, "ob das Tyrolean Ticket auch für die KLM gilt". Wird schon klappen, keep cool.

Wenn Schönauer erzählt, wahrt er dabei stets ironische Distanz. Seine Figuren sind einer harten Romanwirklichkeit ausgeliefert, Schicksalsschläge wie Flugzeugabstürze, Bombenexplosionen oder die Aufbahrung verstorbener Lyriker in einer Abflughalle gehören zu ihrem Alltag. Dabei darf nach Herzenslust genörgelt werden, bevorzugt in Tiroler Manier. Und Bekrittelnswertes findet sich schließlich überall.

So natürlich auch an der Europäischen Union und ihren Beitrittskandidaten. In Litauen verblassen langsam die letzten Spuren von Lenin, Stalin & Co. zugunsten eines fortschreitenden Turbokapitalismus inklusive Arbeitskräfteexport, bevorzugt in der einträchtigen Branche des ältesten Gewerbes der Welt. Von Prostitutiertenbesuchen kehrt Hofer eher entsetzt zurück, und auch sonst entspricht nicht alles so ganz den Maastricht-Kriterien. Aber die sind auch nicht das Gelbe vom Ei.

Man sehe das alles also nicht zu eng, es ist alles nur eine Frage des Blicks, und um den dreht sich ja schließlich "Der eingecremte Blick auf Vilnius" in vier Teilen: in "Die Erfindung des klaren Blicks", "Der Export des Blicks", Der "kalte Blick auf das Bewegte", "Der reziproke Blick auf die Welt". Nomen est Omen. Zunächst muss Hofer erst einmal den "klaren Blick" erfinden, jenen, dem nichts verborgen bleibt, der alles durchschaut, bis man ihm nichts mehr erzählen kann.

Also ab mit der Erfindung ins Export-Geschäft. Ein Tiroler goes Jet-Set und begibt sich in die große weite Welt bis nach Litauen, wo schon nicht mehr jeder Deutsch kann und schon gar nicht Tirolerisch. Sehr exotisches Land. Optik-Vertreter Hofer blickt heroisch und kalt auf die bewegte Zeit eines Staatsgebildes, das nun von Grund auf umgekrempelt wird. Was kann dem Helden bei seinem Heimflug also anderes bleiben als ein reziproker Blick auf die Welt?

Mit "Der eingecremte Blick auf Vilnius" ist Helmut Schönauer wieder zu seinen stilistischen Wurzeln zurückgekehrt. Freimütig und völlig respektlos nimmt er alles aufs Korn, was unsere Umwelt ausmacht. Nichts ist ihm heilig und kaum etwas ernst. Die Protagonisten und ihre Umgebung regiert die alltägliche Dummheit, das Missgeschick, das Versagen. Und sie merken es nicht einmal so richtig. Der Autor bleibt dabei ganz unbeteiligt, ein scharfer Beobachter, der aus dem Hintergrund seine bissig-witzigen Bermerkungen anbringt, treffsicher und brillant formuliert.

 

Sabine E. Selzer
12. Februar 2003

Originalbeitrag

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