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Leseprobe: Evelyn Schlag - "Brauchst du den Schlaf dieser Nacht. Gedichte."

Wir gingen unseren Lieblingsweg

Wir gingen unseren Lieblingsweg
Den Bergkamm entlang
Links der schattige Abhang
Mit dem verfallenen Zaun
Des ehemaligen Rothschildreviers
Dort stehen die Buchen grau
Und ernst im fuchsbraunen Laub

Rechts mein sonniges Frankreich
Der Boden warm gegen den Rücken
Der Himmel ein überblauer See
Den das Tal wie einen Tagraum
Über sich trägt
Alles will beschrieben sein oder
In seiner Existenz jemandem verkündet

Wir liefen bergab in die Höhlen
Der Wogen und stiegen auf ihren Kamm
Und schaukelten betrunken von
Einer Anhöhe zur nächsten

Du sagtest die erste
Duineser Elegie vor dir her
Ich hörte deine Stimme
Und wie der Weg miterzählte
In deinem Atem

Wenn ich etwas nicht verstand
Fragte ich und du sagtest
Die paar Worte schräg über
Deine Schulter zurück
Ohne dich ganz zu mir zu drehen

Dieses über die Schulter Sprechen
Wie es unsere Stofftiere tun
Wenn wir sie
Zueinander sprechen lassen
Unsere Finger in ihrem Nacken

Du kamst zur Stelle von den Liebenden
Ach, sie verdecken sich nur miteinander ihr Los
Ich wollte nicht daß dir der Satz
Die Seele umkehrt

Ich hatte für ein paar Augenblicke
Die alte Angst alles
Könnte sich auflösen alles heißt:
Deine Liebe -
Und dann war es auch schon
Vorüber ehe ich mir
Das Verschwinden deiner Liebe
Noch vorstellte

Von dir habe ich gelernt
Daß man eins nach dem anderen
Benennen kann den Tod
Der immer unfaßbarer wird
Je näher er kommt und das Lachen
Über den steifgefrorenen Karpfen
Den die Freunde uns schenkten
Er sah wie ein Holzspielzeug aus
Es fehlten nur Räder und die Schnur

Du gingst mit den Schistöcken
Um deine Schritte abzufedern
Während ich in den steileren Passagen
Alle halben Meter
Einen Stamm umarmte
Mich Stück für Stück
Fallen ließ weich
So als kletterte ich
Auf einem sicheren Pfad
Vom Himmel herunter

Ich blieb zurück
Und es war einfach
Immer weiter zurückzubleiben
Ich meinte zu sehen wie du sprachst

Und daß du schon Orpheus und Eurydike und Hermes
Auf den Lippen hattest
Ich wartete darauf daß du die Leere
In deinem Rücken spüren würdest
Den Verlust meiner Schritte

Und es fiel mir damals nicht ein
Daß du mich einmal wirklich
Aus den Schatten geholt hast

Von wo ich dich niemals
Will holen müssen

Dann drehtest du dich um
Und sahst mir zu
Dem Ich das durch meine Gedichte geht
Der Fremden die du lesen gelernt hast
Die niemand besser kennt als du

Und ich dachte mir
Auf diesem Kamm werde ich
Aus der Welt gehen
Auf der Spur
Deiner rezitierten Worte
Auf der Spur
Die du aus dem Totenreich gelegt hast
An einem Tag
Den ich jedes Jahr schon
Ahnungslos passiert habe
(S. 35 - 38)

© 2002, Paul Zsolnay Verlag, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 


 

 

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