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Raoul Schrott : Khamsin.

Frankfurt, S. Fischer, 2002.
61 S., geb., EUR 10.-.
ISBN 3-10-073540-4.

Link zur Leseprobe

Im Grenzdreieck zwischen Libyen, Ägypten und dem Sudan erhebt sich ein noch kaum erforschtes Felsmassiv, das auf der Karte den Namen Gilf Kebir trägt. Der Altösterreicher Laszlo Almásy, seit dem Kinofilm Der englische Patient einem breiteren Publikum bekannt, betrat auf einer seiner abenteuerlichen Reisen durch die ägyptische Wüste ebendiese Erhebung und entdeckte eine Höhle mit figürlichen Darstellungen, die er unschwer als Schwimmer identifizierte. Ende der neunziger Jahre betrachtet Raoul Schrott diese Felsbilder staunend und stößt dabei auf Inschriften aus dem Zweiten Weltkrieg. Er liest die Namen Moore, Winchester, Easton und Thighe und beschließt, deren Geschichte zu erzählen.
Aus dem Impetus, den er im Halbdunkel der verborgenen Grotte empfängt, entsteht der schmale Band Khamsin, der zwei Texte birgt, die thematisch miteinander verbunden sind. Den Auftakt bildet die Erzählung, der das Buch seinen Titel verdankt. Die zweite Hälfte nimmt ein "Die Namen der Wüste" überschriebener Essay ein.

Doch zurück zu Khamsin, das, wie der polyglotte Autor ausführt, einen Südwind bezeichnet, "der fünfzig Tage anhält" ... Im Februar 1941 überleben vier alliierte Soldaten zum Teil verletzt den Angriff einer italienischen Einheit, die von Rom ausgesandt worden ist, um Mussolinis imperialistische Träume in Nordafrika zu realisieren.
Mit 20 Litern Wasser und nichts Essbarem brechen die Gestrandeten auf, um zu Fuss zu einem ihrer Verbände zurückzukehren. Was nun beginnt, ist eine zehntägige Reise, auf der die Männer im Windschatten von Erschöpfung und Halluzinationen marschieren. In Schrotts Erzählung spiegelt sich der schillernde Mythos der Wüste, schimmern durch das intertextuelle Gewebe die übermenschlichen Entbehrungen von Afrikaforschern und Abenteurern wie Saint-Exupéry.
Die staubige Ödnis ist der Ort der Inspiration, der Verführung und der ultimativen Prüfung, deren sich die vier Soldaten in Khamsin zu unterziehen haben. In der Tat werden sie von einem Suchtrupp halb tot gefunden und gerettet. Auf einen von den alliierten Streitkräften veröffentlichten Bericht rekurrierend, schließt der Erzähler lakonisch: "Die Depesche endete damit, daß die Patrouille, die John Easton auflas, ihm nicht zu trinken gegeben hatte, um zu verhindern, daß die ausgedörrten Schleimhäute anschwollen und er daran erstickte. Sie ließen ihn bloß an einer Kandisstange lutschen, die sie in Tee tauchten."

Von Wegen ist die Rede. Von Handelswegen, die Karawanen seit undenklichen Zeiten beschreiten. Von Erkundungspfaden, auf denen Forscher in unbekanntes Gebiet vorstießen. Von Flucht- und Rückzugswegen. Auf vielfältige Weise kreuzen sie sich im Gelände, bis der Wind ihre Spuren verwischt.
Schrott greift in dieses unsichtbare Geflecht von Routen, die nur Eingeweihten ein Begriff sind, und legt in seinem Essay Schicht um Schicht unter dem Sand frei. Bald geriert er sich als Geologe, betrachtet interessiert das Gondwanaland, gerade 500 Millionen Jahre hinter uns liegend, lässt den Superkontinent auseinanderdriften, schafft elegant den Sprung herauf zur Eiszeit um 10.000 v. Chr. und erweckt die Urväter der Ägypter zum Leben.
Bald überspringt er die Chronologien der Völker, um in archäologischer Manier zu demonstrieren, wie eine Epoche die folgende bedingt. Wo aus dem Sandmeer Artefakte ragen, ist Schrott zur Stelle, um die Fährte aufzunehmen. Daneben zieht er Herodot zu Rate und bedient sich ausgiebig der Etymologie, um Beweise zu führen.

Der umfassend Gebildete fügt in seinem mehrfach aufgesplitterten Essay virtuos Absatz an Absatz, um den Blick für die verborgenen Geheimnisse dieses menschenfeindlichen, weil verwüsteten Landstriches zu schärfen. Dabei wird er als Begleiter im Team des Afrikaforschers Rudolph Kuper selbst zum Akteur und letztlich Berichterstatter. So nimmt er seinen Platz ein neben jenen, die als erste Weiße von Neugier getrieben ins Innerste der Sahara vordrangen und der Wissenschaft wertvolle Erkenntnisse samt einem Toponym hinterließen. Auch dem Verfasser von Khamsin ist es gelungen, an einem unbezeichneten Ort symbolisch seinen Namen zu hinterlassen. "Kilroy was here" könnte die eingeritzte Nachricht auf einem Felsen lauten. Immerhin, wir sind alle Touristen: "Es war ein uralter Kamelpaß, den ich gefunden hatte, markiert durch vier Alamat, kleine Steinpyramiden, die die Route wiesen: und daß er nun meinen Namen auf der von Stefan Kröpelin angelegten Karte trägt, freut mich heute noch immer mehr als jedes Buch [...]."

Dass der vorliegende Band kaum mehr als 60 Seiten umfasst, ist nicht der Faulheit des Autor anzulasten, sondern darf als angenehme Nebenerscheinung einer konzisen Diktion betrachtet werden, die gerade im Essay-Teil auf kompakte Information Wert legt und unfehlbar dem mot juste verpflichtet ist. Weitschweifigkeit liegt dem Wüstenbesucher und Essayisten fern. Dafür kommt die lyrische Verve in der Erzählung zu ihrem Recht und lässt keinen Zweifel darüber offen, dass auch die (post)moderne Literatur gelungener Landschaftsbeschreibungen fähig ist.
Für alle, denen die Reise zu den Dünen zu beschwerlich erscheint: Khamsin - auch zur mehrmaligen Lektüre empfohlen.

 

Walter Wagner
8. April 2002

Originalbeitrag

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