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Leseprobe: Brita Steinwendtner - "Rote Lackn."

Bin ich es, die in diese Geschichte geraten ist? Frag mich nicht nach der Wahrheit. Sie ist das rotgelbe Ahornblatt, das in den Fäden des Netzes seine Farbe verliert und das fällt, wenn ein anderes es will: die Spinne, der Wind, der Regen, ein Kind, ein Besenstiel.
Ich kenne die Talschaft der Roten Lackn und kenne eine Handvoll Menschen, die in ihr lebten und leben. Ihre Geschichten sind Suchbilder, ich gehe meiner Liebe zu ihnen nach. Sie alle sind verbunden mit einem Blick, einem Köfferchen, einem Frontbrief mit rotem Stempel und dem Satz meiner Mutter: Wann ist es endlich genug? Früher Schnee sank ans Mansardenfenster. Wir saßen vor der Kerze am Todestag meines Vaters, der fiel, bevor er mich sah. Das Salz ihrer Tränen rann über meine Lippen. Erinnerung ist kein weites Land. Sie besteht aus wenigen Augenblicken vollendeter Symbiose all unsrer Sinne, all unsres Seins. In diesen Augenblicken ist sie unsterblich. Ich breite das Dehnbare der Worte sanft über die Schicksale der Menschen und gehe zurück in ihr und in mein Leben.
Ich gehe auf den Friedhof an der Südseite der Dorfkirche, suche das Grab von Marie. Meine Lebenszeit ist die vieler Toter. Sie liegen hier oder anderswo oder im grundlosen Herbstschlamm des Ostens, vielleicht in einem Birkenwäldchen. Und sie sind in den nachhängenden Gedanken, in den Bildern, die entstehen, wenn man nahe dem Wesentlichen ist. [...] Den Teig gehen lassen, hatte Marie gesagt. Die Zeit gehen lassen, die große Geschichte, die in Schlingerbewegungen über die Menschen kommt. Den einen zermalmt sie, dem anderen schlägt sie Wunden, dem dritten heftet sie sich unbemerkt ans alte Gewand, das man erst nach Jahren wieder aus dem Schrank nimmt.
(S. 108f)

© 2002, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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