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Helmut Schiestl: Porträt des Schriftstellers als armer Wurstel.

Erzählung.
Innsbruck: Skarabaeus, 2001.
108 S., öS 165.-.
ISBN 3-7066-2248-3

Link zur Leseprobe

Helmut Schiestls Erzählung "Porträt des Schriftstellers als armer Wurstel" klinkt sich ironisch in große Porträt-Erzählungen wie James Joyces "Porträt des Künstlers als junger Mann" oder Michel Butors "Porträt eines Künstlers als junger Affe" ein. In allen diesen Erzählungen geht es darum, den Werdegang des Porträtierens in das Porträt mit einzubeziehen, das Porträt ist etwas Unfertiges, Dynamisches, das letztlich der Leser vollenden muß.

Der Held in Helmut Schiestls Erzählung tritt meist als Ich-Erzähler auf, der darunter leidet, daß er nichts Spektakuläres erlebt. Gleich zu Beginn stürzt er sich in das Abenteuer Sonnenfinsternis, das dramaturgisch allerhand bieten sollte, aber der Verdunkelungsspuk ist in zehn Minuten vorbei und der Erzähler geht frustriert in das regionale Archiv, um sich ein Bild davon zu machen, ob frühere Sonnenfinsternisse ähnlich uninteressant gewesen sind.
Argwöhnisch beobachtet der Held des Buches seine eigenen Erfahrungen und legt sie im Zweifelsfalle zu seinen Ungunsten aus.

Eine ganze Serie von Begebenheiten spielt in jenem knisternden vorerotischen Beziehungsraum, in dem jede Handbewegung und jeder Halbsatz leicht zu Mißverständnissen führen. Beispielsweise ergibt sich einmal die Möglichkeit zu einem Kuß, aber durch Zaudern und Überlegungen, wie man in dieser sehr konkreten Situation einen Kuß anbringt, ist die Stimmung bereits wieder in ein Stadium der Sachlichkeit getreten, in dem ein Kuß das letzte wäre, was Not tut.
So heißt denn auch der zentrale Satz dieser gepreßten Erotik: "[...] wenn kein Sex mehr ist, dann ist einfach alles aus." (S. 102) Tatsächlich kommt es zu Sex aber nur in Traumszenen. Ehrensache, daß es sich dabei um Alpträume handelt und das Ich schweißgebadet in der sogenannten Realität aufwacht.

In anderer Person namens Welser gelingt diesem ich fast eine Begegnung mit einer Chinesenfrau, "die übrigens Marion hieß", wie stolz berichtet wird. Aber auch in dieser Konstellation mündet die ganze mühselig zusammengekratzte Erotik in einem Gedicht über die Vergänglichkeit der Schönheit, während dem Vortragenden in alpiner Kälte der Speichel einfriert.

Helmut Schiestl hat dem Text einen ironischen Ton untergelegt, manchmal gibt es Szenen im Unschuldston von Karl Roßmann in Franz Kafkas Romanfragment "Der Verschollene", dann wiederum tauchen Argumentationsketten auf, wie sie Daniil Charms seinen stets zu Boden fallenden Helden verordnet hat. Als "Rahmen-Requisite" dient die sogenannte "Arschlochjacke". Kaum schlüpft der Erzähler in sie hinein, wird er auch schon zum armen Wurstel, der den Beruf des Schriftstellers ausübt. - Eine eigentümlich wahre Geschichte.

Helmuth Schönauer
5. Juli 2001

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