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Leseprobe: Klaus Siblewski - "Telefongespräche mit Ernst Jandl."

1.1.98

Er wünsche meiner Familie und dem Verlag von ihm durch mich und mir ebenfalls von ihm und durch ihn ein gutes neues Jahr. Auch Friederike Mayröcker wünsche mir und durch mich auch meiner Familie ein gutes neues Jahr. Den Verlag könne er in diesem Fall nicht in seine Wünsche beziehungsweise in die Übermittlung ihrer Wünsche an mich einschließen, da sie vom Verlag nichts gesagt habe. - Er räume und räume. Irgendwann müsse, denke er, das Chaos insoweit eingedämmt sein, daß sich gewisse Dinge finden ließen. Er werde diese Hoffnung nicht aufgeben. Beim Räumen sei ihm in den Sinn gekommen, daß es zu keinem Zugriff auf seinen Nachlaß von böswilliger Seite kommen dürfe. Für Studenten und für Leute solle er zugänglich sein, die sich mit seinen Texten beschäftigen wollten. Das müsse er jetzt regeln. Geregelt werden müsse dabei auch die finanzielle Seite dieser Angelegenheit. Er habe vor, einen Friederike-Mayröcker-Preis ins Leben zu rufen, und wolle dafür sorgen, daß dafür immer genügend Geld vorhanden sei - ob ich das auch im Auge behalten könne?
(S. 21)

12.11.1998

Er sitze seit Tagen völlig alleine in seiner Wohnung, völlig alleine. Das könnte man nicht einmal einem Tier zumuten, so ununterbrochen alleine zu sein. Ein Tier würde manchmal ein anderes treffen, aber er begegne niemandem, und es komme auch niemand. Friederike Mayröcker besäße die Fähigkeit, ununterbrochen zu arbeiten und sich noch mit Leuten in Cafés zu treffen, diese Fähigkeit besitze er nicht. Er sitzt am Schreibtisch und mache nichts anderes, als am Schreibtisch zu sitzen, und da sitze er eben. Nicht einmal Hunde seien so ununterbrochen allein. Das könne man doch nicht als Leben bezeichnen, nein, mit Leben habe das nicht das Geringste zu tun.
(S. 71)

30.11.1999

Zehn orangefarbene Bücher lägen vor ihm. Als Autor sei da jemand mit dem Namen Ernst Jandl gennnt, und der Titel des Buches laute: "aus dem wirklichen leben". Er sei froh und glücklich. Endlich habe er ein ideales Buch zum Verschenken.
(S. 163)

©2001, Luchterhand, Ulm.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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