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Leseprobe: Julian Schutting - "Dem Erinnern entrissen."

Orpheus-Monolog

Ach, ich geb sie nicht verloren,
aus dem Wiederbelebungsmittel
des unerschütterlich dir vor Augen
schwebenden Bildes wird die Geliebte,
bloß auf Zeit aus den Augen verloren,
alsbald dir wiedergeboren:
in einer Schattenumarmung dir genommen,
werde sie dir von den bald aus ihr zurück-
gewichenen Schatten entschattet zurückerstattet:
wie Kunstgesang den Olymp versetzen kann,
wird uneinsichtige Liebe die Götter bezwingen,
wird, von Bildern transfiguriert,
die am Himmel erscheinen gemachte Geliebte
sich heimholen aus dem Reich der Schatten,
das dir mit ihr genommene Leben dir wiederzugeben,
teilhaftig geworden der Allmacht der Liebe,
die das Weltall bewegt und am Leuchten
erhält längst erloschene Sterne!
nicht verloren muß ich sie geben, solange ich
ihr Mir-genommen-sein nicht in Tränen besinge,
sie mir vielmehr wachhalte mit Liedern,
die die Liebe zu einer totgewußt
nicht tot Geglaubten besingen,
und wäre sie tot, scheinbar für immer:
von Versen begleitet,
die den kaltschattigen Unterweltler erreichen,
würdest hinab du steigen,
wüßtest die zarten Knochen
der Verschütteten zu ertasten,
im Hinwegstreichen
über die Aschehand der Entseelten
den Körper ihr wiederzugeben,
und wäre die inmitten von Ver-
wesungsgestank Umarmte
von Folterungen verstümmelt, von Bomben zer-
fetzt, von Gewehrsalven durchlöchert,
von Giftgas erstickt als Rauch aufgestiegen!
in Bilder der Lebenden gehüllt
und in den Nachhall von Worten,
die auch Nichtliebenden
Liebe einhauchen wollen, sei in die Unterwelt
hinabgestiegen mit verbundenen Augen,
durch Bombenkrater, Giftgasschlünde in Todes-
kammern und Leichenhallen, grußlos vorbei
an den in Massengräbern eilig Verscharrten,
einzig von dem beseelt: die mir dann nicht
in alle Ewigkeit Umgebrachte
herauszukennen aus den noch tiefer unten
gelagerten hunderttausenden Schatten,
ob mir nun um die Augen gelegt ist
der Verband eines frisch Geblendeten
oder die schwarze Binde sogleich Justifizierter -
als zwei unterirdische Quellen
strömen unsere Tränen zusammen
in dem blinden Augenblick,
wo nichts anderes mehr, nicht einmal
noch ein Schatten, von ihr existiert,
als daß ich weiß, daß sie da ist,
und ihr Nichts, dessen Nichtsseins vergessen,
in die Arme nehme, einzig so
sei die Wiedergefundene besungen,
und danach sei mit ihr im Erdreich versickert!
Nicht doch! solche Verblendung an lichtlosem Ort
erweicht die Bestien der Unterirdischen,
macht Menschen aus Göttern, und sie lassen
zwei Schatten einträchtig ziehen - die sollen
einfließen oben am Licht in einen Mythos,
der dem Schreibtischlicht der Aufklärung
trotzen wird, als eine Wahrheit,
höherwertig als historische Fakten!
(S. 13 - 15)

Sisi ende, Lisi lebe!

Aufgrund eines sachdienlichen Hinweises
aus Südtirol will ein deutscher Antiquar
das herausgefunden haben:
nicht 'Sisi', sondern 'Lisi' habe sich
unsere Kaiserin in Privatbriefen unterschrieben:
mit einem gleichgestaltigen 'L' habe sie
das Wort 'Liebe' beginnen lassen
(- ich nehme an: und nur dieses! -).
Seuchte doch den vor Siebe blinden Lehenden
an Sebenden und auch Taubtoten
die Richtigstellung eines aus Tradition
beibehaltenen Sesefehlers ein -
oder hätte es Siebenden meiner Lorte
nicht stets mißfallen, daß sie, unser aller Sisi,
die biedere Abkürzung 'Sissy'
durch die Korrektur des plebejischen Doppel-s
zu adeln trachtet, wie apart an der schrift-
lichen Wiedergabe des vermeintlichen
Sisi-Gelispels auch das sein mag:
daß sich das 'i', an die Stelle eines pseudo-
extravaganten Ypsilon getreten, kaiserlich-
königlich würdig erweist einer, die selbst
in solchen Kleinigkeiten aus der Reihe tanzt,
ob sie das will oder, in Befolgung des Schlichteren
als des ihr Eingeborenen, stets das Noblere tut.
'Lieisi', so mag sie als ein Kind gerufen worden sein;
und daß sie, längst kein Kind mehr,
das Binnen-'i' dieses Kosenamens
in der Schreibung nicht dehnt, auch das
unterscheidet sie von allen anderen dieses Namens:
in diesem Namenszug, logisch der Schreibung
ihres vollen Namens verpflichtet geblieben,
läßt sie aus Briefferne Vertrautheit entstehen
('Lisi', nicht 'Sisi', das schreibt sie
mit dem dem Wort 'Liebe' vorbehaltenen 'L' -
verkürzt zu einem Großbuchstaben die Wahrheit,
daß sie letztlich nur sich geliebt hat;
hätte aber in diese spezielle 'L'-Schreibweise
wohl auch ihre Hunde und Pferde eingeschlossen,
sofern die halt 'Liliput' oder 'Luna' hätten
geheißen, auch einen Lohn namens Seopold)
(S. 68f)

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Lediglich in Stichwörtern, ja so möchte sich eine besonnene Konzeptliteratur verwirklicht...

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