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Lisa Spalt: leichte reisen von einem ende der erde

Linz, Wien: Blattwerk, 1999.
101 S., m. Abb., brosch.; öS 150.-.
ISBN 3-901445-28-5.

Experimentelle Literatur kann vieles leisten - sehen Sie das Unpräzise dieser Formel nach -, darunter auch den Hinweis, dass die ansozialisierte Rezeptionsvorliebe: Geschichte Geschichte Geschichte nicht alles sein kann.

Lisa Spalt macht es dem/der Lesenden nicht einfach, sich mit seiner/ihrer soziogenetisch generierten Erwartungshaltung innerhalb ihres Textes "leichte reisen von einem ende der erde" zurechtzufinden, aber - wenn Sprache eine Form der Verortung eines Menschen in seiner Umgebung ist, dann muss man da durch, dann muss man auch durch die Versatzstücke schon gesprochener Sätze. Dann soll man durch Wörter wollen, die, arrangiert in einer Gemengelage, nicht nur Textkörperlichkeit ausstellen und Afficionados des Experiments anrufen, sondern sowohl auf transzendierender als auch auf spielerischer Seite einiges leisten und auslösen.
Die wittgensteinsche Skepsis an der lückenlosen Kohärenz von intersubjektiver Kommunikation spielt in Spalts Text genauso eine Rolle wie das von Anselm Glück bekannte Verfahren, aus vorgefundenen Texten durch das methodische Prinzip der bewussten gleich wie der spielerisch motivierten Auslassung eigene Texte zu generieren, bloß dass Lisa Spalt im Unterschied zu Glück mit dem "Material" alltäglicher Phrasenhaftigkeit arbeitet. Der Titel des Buches leitet denn auch an, wie das Lesen hier verstanden werden soll: Als Reisen, das wie ein Driften funktioniert und gerade die Mäander favorisiert. Schreiben, nicht im linearen Sinne von hier nach dort, sondern von hier nach "rinks und lechts".

Dem metasprachlichen Aspekt wohnt aber auch ein kommunikativer Subtext inne, denn der auf einer zweiten Ebene auftretende Kommunikationsaspekt erfordert eine Interaktivität der besonderen Art und die gerne angerufene bequeme Interpassivität der brotberuflicher Auszeit, zu welcher einen manche Literatur auch verleitet, wird lahmgelegt. Dieser Kommunikationsaspekt also existiert durch das Einlassen des/der Lesenden auf die flottierende "Gedankenführung" innerhalb der Sätze und Textpassagen, die kein voraussehbares Ziel offenbaren, sondern die eingeprägten Einordnungsmuster enttäuschen und gerade dadurch kitzeln und zu einem Amusement führen, das vergleichbar ist mit den Worträtseln, wie wir Sie aus der Tageszeitung Der Standard kennen.

Lisa Spalt schichtet Sätze an- und übereinander, dadurch vermeidet sie die Sinnwerdung ihrer Sätze auf der ersten möglichen Ebene, der oberflächlichen, der Textpassagenebene. Heterogenes Material, zusammengeschnürt und sofort wieder aufgebrochen, die Verhinderung von eindeutigen Sinnrichtungen, das ineinandergeschobene Geflecht laufen auf ein poetisches Statement hinaus, das uns als Lesende darauf hinweist, wie unzuverlässig und uneindeutig die Zeichen, mit denen wir tagwerken und schlafen gehen eigentlich sind. Dass Spalt gleichzeitig eine eigentümliche, absurde und keineswegs logisch-stringente Erzählhaltung schafft, ist auf den ersten Blick zwar fast paradox, aber das ist diesenfalls ein lustvolles Kreuz mit dem Rätsel Sprache.

Hannes Luxbacher
22. Jänner 2001

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