Dietmar Schönherr: Die blutroten Tomaten der Rosalía Morales.

Zweite erweiterte Liebeserklärung an eine unwirsche Geliebte.
Frankfurt / Main: Eichborn, 2000.
139 S., geb.; DM 39,90.
ISBN 3-8218-0844-6

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Der prominente Schauspieler, Autor und Entwicklungshelfer Dietmar Schönherr hat wieder einmal ein Buch vorgelegt; im Untertitel wird es als die Erneuerung eines Liebesschwurs ausgewiesen.
Es geht also nicht um die ewige, sondern um eine Liebe, die offensichtlich vielen Belastungen ausgesetzt ist und von Zeit zu Zeit solcher Bekenntnisse bedarf. Realismus ist also angesagt, nicht Idealismus, von dem allein sich die sogenannte Dritte Welt nichts abbeißen kann. Objekt der Begierde ist natürlich Nicaragua, "Nicaragüita" (S. 30), dem/der Schönherr seit 1985 aufs Engste verbunden ist.

Anekdotenhaft und lose aneinander gereiht, werden skurrilste Episoden und Abenteuer geschildert, deren Glaubwürdigkeit Schönherr vermutlich jeweils mit einem "Ich bin dabei gewesen!" untermauern kann. So entsteht ein Bild Nicaraguas eigentlich nach dem Muster eines Schelmenromans, wobei jedoch nicht nur der Ich-Erzähler, sondern kurioserweise alle Personen, die den Lesern näher gebracht werden, etwas Schelmenhaftes besitzen: Im Zentrum des bunten Treibens freilich steht der Autor selbst, der sich - nicht immer frei von Eitelkeit - als Mann "mit einem Schreibblock und einem kleinen Bleistift" (S. 134) stilisiert und stilisieren lässt, als "Chele" (S. 30), allzeit bereit, Authentizität heischende Notizen von Beobachtungen, Begebenheiten und Begegnungen zu machen. Das Rüstig-Altmodische dieser Figur wird im allgemeinen geschickt überspielt, bricht implizit aber immer wieder in Vergleichen, Metaphern und Bezugnahmen auf Gegebenheiten von anno dazumal hervor, die jungen Lesern von heute großteils unbekannt sein dürften (vgl. "Flucht in Ketten mit Abbott und Costello", S. 114). Im übrigen nützt Chele - wie weiland Karl May - sogar mehrere Gefängnisaufenthalte, um die notwendigen Ruhephasen zum Schreiben zu finden (vgl. S. 15).

Denn um ihn herum toben die Geschichte und die Naturgewalten: Revolutionen, Gegenrevolutionen, Straßenkämpfe, Überschwemmungen, Überfälle, Expeditionen, Saufgelage und Liebeshändel wechseln einander ab, ohne dem Helden - jenseits von Gut und Böse, den Linken und den Rechten - etwas anhaben zu können; und auch nicht den "Nicas" (S. 16) selbst, denen aufgrund ihrer stets hervorgekehrten Verschmitztheit, unbändigen Lebensfreude und Kunstsinnigkeit eine postkoloniale Korrektheit zuerkannt wird, die uns Europäern wohl das Herz zu erwärmen vermag. Oder zumindest zu unterhalten, wenn in melancholischen Stunden wieder einmal die Tristesse und Dekadenz der abendländischen Zivilisation nicht zu verdrängen sind. In Nicaragua nämlich kommt noch Romantik, "irgend so ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit" (S. 34) auf, wenn man nur Augen und Gespür dafür hat. Es versinkt zwar alles im Chaos, doch man kann noch in einer Weise darüber schreiben, die sich so lebenssaftig gibt, wie jene blutroten Tomaten des Buchtitels, mit denen Rosalía Morales den neuen Bürgermeister ihres Dorfes bewirft.

Dietmar Schönherr betreibt sein literarisches Geschäft (für das als aktuelles "pay-out" immerhin fünfzigtausend Dollar angeführt werden!; siehe S. 122) durchaus mit Ambition; er ist merklich bemüht, das rein Erlebnishafte poetisch zu überformen. Der entscheidende Kunstgriff besteht aus der nachträglichen Beschreibung kleiner Filme, von denen Chele seinem befreundeten Gefängniswerter Amado Tag für Tag je einen erzählt (vgl. S. 26). Das ist nicht besonders originell, wirkt aber passagenweise trotzdem recht witzig; man erkennt eben das gute Handwerk eines Schriftstellers, der auch für die Filmindustrie tätig ist. Allerdings ist für einen, der bislang noch keine Gelegenheit hatte, Nicaragua persönlich zu besuchen, schwer nachvollziehbar, warum sich die charakteristischen Merkmale und Eigentümlichkeiten von Land und Leuten offensichtlich am besten in Analogie zu den Konfektionsmustern von Hollywoodfilmen zum Ausdruck bringen lassen. Auch wenn das ironisch gemeint ist, hätte ich diesmal doch gerne mehr erfahren als in einem alten Nick-Nolte-Action-Film (vgl. 116f.).

Arno Rußegger
1. September 2000