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Peter Steiner: Doberig.

Roman.
Salzburg, Wien: Otto Müller, 1999.
160 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-7013-1001-7.

Link zur Leseprobe

Der achtjährige Kofler-Bub geht mit seiner Mutter vom Bauernhof der Großeltern zum Hotel Post in Doberig, Osttirol. Es ist der 8. Mai 1945. Das Hakenkreuz hängt am Fahnenmast und er hebt die Hand zum Hitlergruß. "Aufrecht für eine Sache einstehen, auch wenn sie verloren ist", sagt die Mutter. Der Kofler-Bub erinnert sich an die Knospen an den Ahornbäumen und den Geruch des Grases. Um dieses Ereignis herum wird der Roman von Peter Steiner aufgebaut: Der Ich-Erzähler kehrt in seinen Erinnerungen an die Kindheit immer wieder zu diesem prägenden Erlebnis zurück.

Der Kofler-Bub und der Ich-Erzähler: Sie repräsentieren zwei unterschiedliche Perspektiven auf die eigene Lebensgeschichte. Der achtjährige Bub verbringt die Jahre 1944 bis 1948 im Dorf der Großeltern und diese Zeit wird aus der dritten Person, aus seiner kindlichen Sicht, geschildert. Das emotionale Erleben steht im Vordergrund, die Entwurzelung des Kindes, das Scheitern an den Ansprüchen der Mutter. Das um 53 Jahre ältere Text-Ich versucht, aus der zeitlichen Distanz analytisch lebensgeschichtliche Ereignisse und historisches Wissen zu verknüpfen.

Die Tagebuchaufzeichnungen der Mutter, die sie für jedes ihrer Kinder verfaßt hat und die der Ich-Erzähler zufällig findet, führen auf die Spuren der eigenen Vergangenheit. Sie konfrontieren ihn mit ihren Berichten über sich als Kind. Indem er seine eigenen Erinnerungen diesen gegenübergestellt, entsteht ein komplexes Bild der Kindheit.
Peter Steiners berührende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führt vor, daß es nie eine einheitliche Sichtweise geben kann - genausowenig ist eine kohärente Identität möglich. Es handelt sich um eine brüchige Identität. Auch die Erinnerung daran ist brüchig, wenn sie "wie in einem Film" abreißt, und das Ich den Motiven dafür nachforscht. Abgründe tun sich auf, wenn das Eigenbild auf die Charakterisierungen der Mutter trifft. Für "butterweich" hält sie ihren 8jährigen Sohn, für ein "merkwürdiges Kind", an dem ihre Disziplinierungsversuche nichts ausrichten: "Je mehr Freiheit er hat, desto aufbegehrender wird er. Hält man ihn kürzer, wird er mit der Zeit sanfter." Gleichzeitig lassen die Tagebuchnotizen Rückschlüsse auf den Charakter und die Weltanschauung der Mutter zu. In ihren Einschätzungen des Sohnes spiegeln sich ihre Wünsche und Projektionen wider. Sie sind auch ein Beleg für ihre nationalsozialistisch geprägte Gesinnung.

"Es ist unser Fluch", heißt es im Roman, "daß wir, Kinder der Kriegsgeneration, unsere Väter nicht lieben können." Und die Mütter? Die Tagebucheinträge sind der Anstoß für den Sohn, seinem Bild der Mutter nachzuforschen und zu erkunden, wie die Mutter zur Verehrerin des Nationalsozialismus werden konnte, wann sich die Eltern "von der Unschuld zu Parteigängern des Unrechts und der Gewalt" gewandelt haben. Da sie früh verstorben sind, ist ihm das Nachfragen nicht mehr möglich. Die Schuld, die das Ich fühlt, kann nicht entlastet werden. Die Beschämung bleibt - und der Zwiespalt zwischen der Liebe zur Mutter (der Erinnerung an dieses Gefühl) und dem Wissen und der Ablehnung ihrer Gesinnung.

Ivette Löcker
23. November 1999

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