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Leseprobe: Marlene Streeruwitz - "Nachwelt."

Manons Geschichte

Anna hätte nie etwas bewußt falsch machen können. - Sie hatte nicht diese bestimmten Eigenschaften, die einen zu einer guten Mutter machen. Man kann so egozentrisch werden, daß etwas verlorengeht. Obwohl es mit Marina schon anders war. Marina war ein sehr schönes Mädchen. Sie war sehr schön. Und Marina war Fistoularis Kind. Sie hatte Fistoulari geliebt. Das war der Unterschied. Zsolnay hat sie gehaßt. Sie hat ihn ja auch nur geheiratet, um von der Mutter wegzukommen. Zsolnay hatte Geld, und sie konnte die elegante Gastgeberin spielen, und dann war das nicht mehr interessant, und dann ging sie. - Das sind die Spuren von Alma. Der alten Alma. Ich kenne nur Geschichten wie diese. Ist das nicht seltsam. Kompliziert. Was das Leben für komplizierte Muster hat. - Anna. Sie mußte jeden Tag ihren "Weltschmerz" überwinden. Manchmal sagte sie zu mir, sie wollte nicht, daß irgend jemand herausfände, daß sie eine Schwäche habe. Das mit dem Trinken. Das war keine Schwäche. Das war wunderbar. Jeder mußte sich an den Küchentisch setzen. Aber es gab Verletzungen, die sie verdecken wollte. Jeden Tag. - Die Ursache war im Grund die Mutter. Ihre Ehen. Mit Albrecht war sie nur eine ganz kurze Zeit glücklich. Und dann, an einem bestimmten Punkt, wollte sie weg von ihm. Aber ich denke, sie stellte fest, daß es spät im Leben war. Sie verließ ihn dann aber doch. Plötzlich. Er mußte vor vier Jahren ausziehen. Er mußte sein eigenes Haus beziehen. Sie mußte allein sein. Sie konnte nicht Klavier spielen, wenn er da war. Er war im Weg. Und dann fuhr sie allein nach China und nach Europa. So habe ich ihn ja "geerbt". Sie sagte "bitte, gib acht auf ihn". (S. 245f.)

© 1999, S. Fischer, Frankfurt / Main.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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