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Evelyn Schlag: Das Talent meiner Frau

Gedichte.
Salzburg, Wien: Residenz, 1999.
127 S., geb.; öS 278.-.
ISBN 3-7017-1193-3.

Link zur Leseprobe

Für Evelyn Schlags Gedichte wünscht man sich einen bequemen Fauteuil, möglichst mit Fensterblick und neben einer Stehlampe, Couchtisch mit Teekanne, eine warme Decke über den Knien und - ideal wäre noch ein Feuer im Kamin, winterliche Nachmittagsdämmerung und dichter Schneefall.

In diese klassische, fast kitschige ruhige Leseecke zurückgezogen, könnte man sich dann ganz in die Texte vertiefen, die aber weder klassisch noch kitschig sind. Und so könnten sie am besten ihre Wirkung entfalten, wenn die LeserInnen ihre Füße in die warmen Decken kuscheln, während in den Gedichten vom Krieg die Bomben fallen, Köpfe mit Füßen getreten werden und die "stampfenden Autos patroullieren wie wild" oder auch in den Gedichten von Liebe und Freundschaft Paare in der Winterkälte glücklich ihren "Atem jagten" oder bei finnischen Temperaturen "birkenhelles Papier" in "fingerfreien Handschuhen vom Baum" gelöst wird. Die Poesie beschränkt sich nicht auf Sprache, sie wohnt auch in den Gegenständen - in manchen zumindest, andere sind eher eine Bedrohung, der sie standhalten muß: "Sie [Polen] fragten mich wo meine Sprache sie mit Stiefeln trat in schönstem Deutsch nach meiner Dichtung aus [...]."

Winter und Kälte sind nahezu allgegenwärtig in "Das Talent meiner Frau", dem neuesten Gedichtband von Evelyn Schlag. Und wenn ein Text doch einmal im Sommer oder Süden angesiedelt ist, dann ist es die Kälte des Todes, die darin weht, etwa wenn um den "Sarkophag des Ehepaars im Museo Etrusco, Villa Giulia, Rom" eine ganze Geschichte gesponnen wird: auch die Toten haben einmal gelebt, und doch wollen sie nicht einmal mehr in der Phantasie so richtig lebendig werden, wie Schemen wandeln sie durch den Text und stehen Modell für ihr eigenes Grab.

Evelyn Schlags Lyrik ist weder konventionell noch experimentell, zeitlos, ja sie scheint fast außerhalb der Zeit zu bestehen, der Hektik mit Stillstand zu trotzen. Mit ganz eigenen sprachlichen Bildern erzeugt sie eine Atmosphäre der Melancholie, innerhalb derer sie den LeserInnen viel Raum läßt für eigene Assoziationen und dadurch individuelle Lesarten ermöglicht. Diese relative Offenheit der Gedichte läßt manche von ihnen auf den ersten Blick vielleicht schwer zugänglich erscheinen, einige erschließen sich erst mehr und mehr beim Wiederlesen, andere entfalten ihre Kraft jedoch sofort. Die Autorin tritt meist nur als stille, oft einigermaßen unbeteiligte Beobachterin auf und beschreibt Emotionen weniger, als sie sie hervorrufen möchte.
Zentrale Motive in dieser Lyrik sind auch verschiedene Landschaftsformen. Lebensräume, die den Menschen prägen, Seelenlandschaften. Nicht umsonst nimmt sie uns mit auf Reisen durch die halbe Welt, von Italien über Finnland, Polen und Bosnien nach Sibirien, doch manchmal heißt es auch: "Ich habe den Namen der Küste vergessen [...]."

Evelyn Schlag ist das Kunststück gelungen, den Alltag hinter sich zu lassen, aber ihre Texte dennoch aus alltäglichen Elementen zusammenzusetzen, auf einfühlsame, gefühlvolle, aber nicht sentimentale Weise, so, daß aus ihnen etwas Besonderes wird.

Sabine Selzer
19. November 1999

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