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Leseprobe: Werner Schandor - "Glücksfall."

Sonja benützte den Hintereingang, als sie in die Redaktion kam. Sie hatte keine Lust, die Sedlec passieren zu müssen, die beim vorderen Stiegenaufgang in ihrem Kabuff saß, alle Ankömmlinge musterte und mit den sirupartigen Absonderungen ihrer Stimmbänder übergoss. Sonja hatte auch nicht das Bedürfnis, am Büro der Lokalredaktion vorbei zu gehen. Über die Hintertreppe konnte man direkt in die Kulturredaktion gelangen und musste dazu nicht durch die Gänge des Redaktionshauses laufen. Sie hasste das "GutenMorgen-GutenMorgen"-Gegrüße, dem man allmorgendlich ausgesetzt war, wenn man die Gänge durchstreifte. Sie hasste weiters das "Mahlzeit-Mahlzeit-" oder "Wiedersehen-Wiedersehen"-Gegrüße, das zusammen mit dem "GutenMorgen-GutenMorgen" anzeigte, in welcher Phase ein weiterer hirnloser Arbeitstag steckte. Und schließlich hatte Sonja nicht die allergeringste Lust, auch nur irgendeinen der überflüssigen Kommentare zu hören, die in der Gerüchteküche über sie und Gur höchstwahrscheinlich im Umlauf waren. Sie war froh, wenn sie auf dem Weg in die Redaktion möglichst niemandem begegnete.
Die Kulturredaktion war leer, als Sonja eintrat. Schöpfer hatte eine Nachricht hinterlassen: "Bin bei PK. Zurück um 11.30." Sonja begann, jede Filzplatte am Boden der Kulturredaktion einzeln zu hassen. Sie begann, verschiedene Kollegen an ihrem dummen Lachen ersticken zu sehen. "Wie liest man überhaupt eine Zeitung, ohne einen Schaden davonzutragen?" fragte sie sich. "Man muss doch bei all der Blödheit, die tagtäglich verbreitet wird, eine Hornhaut auf der Hirnrinde aufziehen! Das ärgste aber ist, dass sich die Trotteln, die den ganzen Schwachsinn fabrizieren, auch noch intelligent vorkommen. Sie tun zwar immer so, als würden sie über allem stehen, aber im Grunde haben sie keine Ahnung, was wirklich abgeht, weil sie das Wesen der Dinge nicht durchschauen, sondern nur ihre Oberfläche sehen!"
Sonja packte ihren Artikel aus, die Buchbesprechung, die sie zu Hause angefertigt hatte. Wenigstens durfte sie auf ausdrückliches Geheiß des Chefredakteurs wieder in der Kultur arbeiten. Das war wenigstens etwas. Wieder etwas, das sie Franz Gur zu verdanken hatte, der sich gestern dafür eingesetzt hatte, dass man den Konkurrenzblättern den Erfolg nicht zugestehen sollte, eigene Mitarbeiter nur aufgrund einer seltsamen Optik vorbeugend in der Versenkung verschwinden zu lassen. Sollte sie in die Lokalredaktion gehen und nachsehen, wie es Franz ging? Sie war gestern Abend nicht besonders taktvoll, vielleicht sogar ein bisschen schroff gewesen. Nein, entschied sie. "Wenn er so blöd ist, nach einem One-Night-Stand zu glauben, wir wären verheiratet, dann liegt es eher an ihm, sich zu entschuldigen."

© 1999, Resistenz, Linz, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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