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Helmut Schranz: schöner fehlen. stille exzesse

Siegendorf: NN-fabrik, 1998.
80 S., brosch.

Link zur Leseprobe

Gegen die Einfalt herrschender Wirklichkeitsbehauptungen setzt Helmut Schranz in seinem Buch "schöner fehlen. stille exzesse" kritische Poesie. Die 18 Prosatexte des Buches werden durch die montierten Gedichte "MGV männergesangsverein" ergänzt. Etliche der Texte haben mehrere Jahre kontinuierlicher Überschreibung hinter sich. Herausgekommen sind Sprachdestillate, in denen jedes Wort doppelbödig ist - ernst gesagt, doch skeptisch aufgeladen. In die hermetisch anmutende Prosa wurden philosophische Reflexionen, poetische Wendungen und gehobene Kalauer verwoben Marke: "Wer Fragen hat, macht um sie einen Bogen herum. Das Alter ist von 21 bis 35 richtig anzukreuzen, insoferne der Fall" (S. 52).

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die vermeintliche Abgeschlossenheit von Schranz' Texten jedoch als skeptische Antwort auf herrschende Wahrnehmungsmuster.
"schöner fehlen" betreibt vordergründig eine ästhetische Auseinandersetzung mit den Abwesenheiten des "ich, Platzhalter" (S. 39). Nachdem die erste und zweite Person Singular in der Literatur eine nicht unwesentliche Rolle spielen, sind die Texte aber auch in hohem Grad sprach- und erzählkritisch zu verstehen. "Ich" und "du" dienen Helmut Schranz gerade noch als Vorlagen für das "Portrait eines Fürworts / Halbrelief" (S. 19). In den Texten werden literarisch oder medial erwirkte - oder zumindest behauptete - Sinnstrukturen radikal hinterfragt. Den Sinnstiftern begegnet Schranz mit Mißtrauen: "Oft genügt ein einziges falsches Wort und die Ereignisse erhalten ihren letzten tiefen Sinn." (S. 39)

Insgesamt verläuft durch die fünf Abschnitte des Buches eine Linie, die dem Verschwinden des Subjekts in einen Bereich jenseits behaupteter Wirklichkeiten folgt. Die Linie zieht sich von der absurden Kurz-Sage "Männerverbrennung" zu den poetischen Abwesenheiten von "schöner fehlen", den sprachkritischen Betrachtungen "mit dem verbesserten ahnen vor ort" bis hin zu den "stillen exzessen" des Schreibens im allgemeinen. Seine Methode hat der Autor 1997 nach einer Lesung im Forum Stadtpark als eine Art Hinausschieben des Satzsinnes ins Unendliche beschrieben: Kaum glaubt man, etwas verstanden zu haben, schon ist der Text im Krebsschritt auf eine Meta-Ebene gehoben worden, von der aus alles wieder fremd und zweifelhaft erscheint. "Wer einmal damit anfängt, hört nicht mehr auf, das nicht zu verstehen" (S. 51) heißt es etwa nach einem ganz gewöhnlichen Aussagesatz. Die eigene Sprache wird sozusagen zur Fremd-Sprache transferiert. Das Befremden gegenüber seinen Texten, die sich mit verschiedenen Mitteln und stets auf neue Weise gegen die Einvernahme durch die Wirklichkeitsauffassung des Mainstreams und gegen hurtige Rezeption sperren, ist kalkuliert.

Das poetische Vorgehen von Helmut Schranz will "Lücken der Wahrnehmung" (S. 41) erzeugen, fruchtbare Sprachfelder auftun, die für eine literarische Betrachtung der Welt abseits literarischer Konventionen geöffnet sind. Wer diesen Zugang findet, wird bei jedem Wiederlesen mit immer größerem Vergnügen in das komplexe Geflecht der facettenreichen, oft sprach-witzigen Texte des linguistisch geschulten Wahrnehmungs-Agnostikers eindringen.

Werner Schandor
5. Mai 1999

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