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Magdalena Sadlon: Die wunderbaren Wege

Roman.
Wien: Zsolnay, 1999.
192 S., geb.; öS 218.-.
ISBN 3-552-04923-1.

Link zur Leseprobe

Das Buch hebt mit einem Bündel grandioser Sätze an. So ist gleich vorneweg etwas von jenem scharfkantigen Sprachrhythmus spürbar, der auch noch für ein paar leichtfüßige Wechselschritte Platz läßt. An allen Ecken und Enden des Textes strecken sich dem Leser rhetorische Figuren entgegen, bei nächster Gelegenheit schon fällt dieses Gerüst an die beschriebenen Dinge zurück. Das Formale steht ganz unzweifelhaft im Vordergrund, eine glasklare Form:

"Jakob fühlte sich um die Reaktion auf seine Antwort geprellt. Wenn er um Auskunft gefragt wird, und er wurde gefragt, und wenn er Auskunft gibt, wenn er sich redlich, mit Rede und Regung, bemüht, dann geht er eine Beziehung ein. Seine Sätze sind präzise, seine Auskunft ist korrekt. Das Gleichgewicht aus Information und Interesse, um das er sich bemüht, ist das Gleichgewicht seiner Tage."

Der Mann, von dem die Rede ist, heißt Jakob Sagmeister; eine Figur, die des Sprechens nicht recht mächtig ist, obwohl diese Fähigkeit eigentlich in seinem Namen steckt. Magdalena Sadlon, die 1956 in der Slowakei geborene und heute in Wien lebende Autorin, hat dem Mann in ihrer ersten großen Prosaarbeit "Die wunderbaren Wege" eine etwas widersprüchliche Biographie verpaßt. Sagmeister stammt aus der Provinz, nach dem Willen seiner Mutter sollte er Musiker werden, in der Hauptstadt hat er es schlußendlich zum Gymnasiallehrer gebracht.

Obwohl der Professor vom Vorwurf der sexuellen Belästigung an einem jungen Mädchen freigesprochen wurde, hat man ihn in den vorzeitigen Ruhestand geschickt; ein Vorgang, der disziplinarrechtlich unwahrscheinlich ist, aber dem Mann die nötige Freizeit für seine sonstigen Unternehmungen gibt. So streift Sagmeister fortan als Flaneur durch die inneren Gemeindebezirke, die Tigergasse im achten Bezirk ist sein Spezialrevier, bei Sadlon wird daraus eine trostlose Gegend.

Wie ein drittes Auge setzt sich die Autorin am Kopf des vermeintlichen Triebtäters fest, jeder Schritt und jeder Außenkontakt wird akribisch festgehalten und in sprachlich kristalline Form umgesetzt. Dabei fördert das Überwachungsprotokoll keine Sensationen, sondern riesengroße Leere zutage. Diese reicht in die privaten Aufzeichnungen Sagmeisters hinein. In seinem Tagebuch findet sich nur ein einziger Satz eingetragen: "Mein Leben sind Tage, von Nächten zusammengehalten".

Vor zehn Jahren hat Madgalena Sadlon in einem Band mit dem Titel "Man sucht ein Leben lang" eine vielbeachtete Sammlung von Anagrammen vorlegt. Das rigide Formprinzip des Anagramms, dem die Umgruppierung eines jeweils fixen Bestandes an Phonemen zugrunde liegt, wurde in dem kleinen Büchlein von der Autorin theoretisch erkundet und praktisch in eine Reihe mehrzeiliger Gedichte umgesetzt. Im Klappentext hatte es damals geheißen, daß das Anagramm gleichermaßen ein selbstgeschaffenes Hindernis als auch eine Stütze der Einbildungskraft sei; die Wörter würde gewissermaßen selbst die Initiative ergreifen.

Auch wenn sich die Autorin in ihrer neuen Arbeit, die etwas überzogen als Roman bezeichnet wird, von ihren experimentell-formalistischen Anfängen zu distanzieren sucht, trifft das damalige Verdikt auch für "Die wunderbaren Wege" zu. Höchst bemerkenswert ist das Buch überall dort, wo die Sprache Selbständigkeit gewinnt und die Wiener Erkundungen wie Capriccios erscheinen. Dort, wo die Wirklichkeit und die Moral ins Spiel kommen, wirkt der Text bald unglaubwürdig; das Leben des Herrn Sagmeister ist reichlich uninteressant.

Klaus Kastberger
1. Juli 1999

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