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Werner Schneyder: Meiningen oder die Liebe und das Theater.

Ein Bericht.
Wien: Kremayr & Scheriau, 1998.
159 S., geb.; öS 250.-.
ISBN 3-218-00657-0.

Werner Schneyder inszeniert in Meiningen "Das weite Land" von Arthur Schnitzler und hat diese Arbeit dokumentiert. Es ist jedoch eine Dokumentation eher ungewöhnlicher Art: es ist der Versuch, Theaterarbeit zu beschreiben und zu erklären, was eigentlich kaum möglich ist. Werner Schneyder ist sich dieser Unmöglichkeit bewußt: sowohl der Unmöglichkeit, Schauspielern schlüssig zu erklären, was der Regisseur will, als auch der Unmöglichkeiten, eine Idee zu einem Stück inszenatorisch eindeutig umzusetzen; woraus die Unmöglichkeit, eben diesen Vorgang zu beschreiben, logisch folgt.

Herausgekommen dabei ist jedoch ein faszinierendes Protokoll von der Arbeit mit lebendigen Menschen und der Arbeit mit - durch die Sicht des Regisseurs - ebenso lebendigen Theaterfiguren. "Regisseur sein ist der intimste Umgang außerhalb der Sexualität. Mit Menschen formen und vor Menschen zurückstehen. Sich einlassen zugunsten einer Anzahl von Theatervorstellungen, eines flüchtigen, bald nicht mehr existenten Ergebnisses. Nichts bleibt davon als die Erfahrung mit Menschen [...] ein Stück Biographie." (S.7f.)

Schneyder beschreibt ausführlich die angenehmen und unangenehmen Seiten der Zusammenarbeit mit den jeweiligen Schauspielern des kleinen Provinztheaters. Es ist ihm gelungen, ohne auch nur ein einziges Mal denunzierend oder beleidigend zu werden, die persönlichen Gefühlslagen der Darsteller parallel zur Entwicklung der Innerlichkeiten der Bühnenfiguren transparent zu machen. Der Begriff Provinztheater erfährt durch dieses Buch Schneyders eine positive Aufwertung. Es ist spannend und nachvollziehbar, mit dem Regisseur Schneyder Klippen zu umschiffen, die sich während einer Probenarbeit in den Weg stellen - und dabei einige Male auf Grund zu laufen.

Und ganz nebenbei erfährt der Leser eine neue Interpretation von Schnitzlers Stück; eine Interpretation, die nicht von literaturwissenschaftlicher Textlastigkeit oder Psychologisierung geprägt ist, sondern eine theaterpraktische Interpretation, eine neue Sichtweise. Zugleich ist das Buch ein Appell Schneyders an die Theatermacher, Theater als solides Handwerk zu betrachten, Publikum und Darsteller zu achten und nicht mit sinnlos originellen Ideen zu blenden zu versuchen.

Es ist die Liebe Schneyders zum Theater, zu den Schauspielern und zu Schnitzler, die dieses Buch prägt. Jemand, der am Theater gearbeitet hat, wird es ganz verstehen können und auch das Scheitern Schneyders, die Unmöglichkeit, Theaterarbeit zu erklären, verstehen. Es bleibt zu hoffen, daß es dem Buch gelingt, dem Leser, der Theaterarbeit nicht kennt, die Schwierigkeiten des Unternehmens einer Inszenierung klarzumachen. Wenn die Leser des Buches nach seiner Lektüre im Stande sind, die Arbeit von Schauspielern und die Qualität von Inszenierungen mit anderen Augen zu sehen als bisher, dann ist Schneyder das Unmögliche (fast) gelungen.

Eva Reichmann
3. September 1998

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