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Gerald Szyszkowitz Die Lesereise der Katja Thaya.

Erzählungen.
Wien, Klosterneuburg: Edition Va Bene, 1998.
166 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85167-071-X.

Link zur Leseprobe

Es ist gewagt, könnte man gleich nach dem einleitenden Satz anmerken: der Autor wählt eine weibliche Schreibperspektive. Fortan begleiten wir also die Ich-Erzählerin Katja Thaya, die sich so schlicht und einfach vorstellt ("Ich heiße Katja Thaya und schreibe für Zeitungen.", S. 5), auf ihren Lesereisen in die verschiedensten Länder und Kulturen: Von Teheran über Venedig nach Ostslawonien bis New York. Es sind auch Reisen in die Welt der Befindlichkeiten einer Frau Ende 30, alleinstehend (früh verwitwet), mit realistischem Blick auf die Beziehungs- und Liebeslandschaften, die ihr in ihrer Situation (noch) offenstehen. Denn, wie sie süffisant bemerkt, "alleinstehende Frauen [werden] selten in diese bürgerlichen Häuser eingeladen, wo diese Art Männer aus- und eingeht, die mich auf die Idee bringen könnten, es noch einmal zu versuchen. Gastgeberinnen wissen, alleinstehenden Frauen ist alles zuzutrauen. Jedes Chaos." (S. 7)

Also bleiben auch die Liebesgeschichten mit David aus New York und dem "profil"-Journalisten Ben, der sie von der Frankfurter Buchmesse abschleppt, Episoden in der Beziehungsgeographie. Letztere ist eben keine Terra incognita, sondern dahinter stecken bereits erforschte Muster im Zusammenspiel mit den jeweiligen Partnern und Partnerinnen. Woran eine dauerhafte Bindung schlußendlich immer wieder scheitert, ist eine Melange aus Ansprüchen und Verhinderungen, dem eigenen Charakter zuzuschreiben und portionsweise auch den Lebenserfahrungen.

Die Anlässe der Lesereisen sind Einladungen österreichischer Kulturinstitute im Ausland - gut, daß es diese Einrichtung gibt - und, eigentlich, die Neugier der Ich-Erzählerin. Eine Person beginnt sie dann zu interessieren, wenn sie ihr Widerstand entgegensetzt und es zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Über die Annäherung an diese Personen verwickelt sie die Leser in Diskussionen um grundsätzliche Lebensfragen. Anhand der Charaktere werden einerseits Widersprüche aufgezeigt und andererseits eine gesellschaftspolitische Dimension. So in der Geschichte einer Iranerin, die jahrelang in Deutschland gelebt hat und sich jetzt in ihrem Leben in Teheran und unter den kulturell-politisch-religiösen Bedingungen nicht mehr zurechtfindet. Es ist ein mitunter ironischer, aber gleichwohl genau registrierender Blick auf politische Gegebenheiten, der die Atmosphäre der unterschiedlichen bereisten Länder anschaulich hervorbringt. Das Geschehen wird immer wieder auf die Gefühlsebene verlagert, die die Ich-Erzählerin über die Schwierigkeiten menschlicher Beziehungen nachdenken läßt.

Die Realität von alleinstehenden Menschen um die 40 ernüchtert den Leser. Die klare, schnörkellose Sprache der Texte ist an die mündliche Rede angelehnt und stark an Dialogen orientiert. Nicht immer sind diese treffend, oft zu sehr pointiert und erinnern dann an deutschsprachiges Beziehungskino der 80er Jahre mit seinen gekünstelten Gefühlen. Dialoge und mündliche Sprache geben den Texten aber ihr schnelles Tempo und erzeugen Abwechslung und Spannung. Gerald Szyszkowitz ist als früherer Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel und Unterhaltung des ORF nicht nur mit der Journalisten-Szene vertraut, sondern auch mit der Dramaturgie von Texten.

Ivette Löcker
16. Dezember 1998

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