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Peter Steiner: GAP

Roman.
Salzburg: Otto Müller, 1998.
339 S., geb.; öS 298.-.
ISBN 3-7013-09817.

Link zur Leseprobe

Ein seltener Schmetterling, der letzte seiner Art, den er zu finden hofft; ein "unsichtbarer" Berg, den die Indios "el invisible" nennen, von dessen Existenz er überzeugt ist; eine Frau, mit der er lebt, die von ihm nicht weiß, ob er existiert außerhalb seiner Träume. DiRocca ist Herrscher seines eigenen Schattenreiches, wo immer es ihn nach Gewißheit verlangt, greift er ins Leere. "I will not be the excuse of your life" hatte ihm Barbara, die Geliebte aus der Studienzeit, daheim in den USA, gesagt, bevor sie ihn verließ. Kein Ziel außer dem unerreichbaren, kein Leben außer dem imaginierten: "Mit Lust stellte er sich vor, die Prostituierte im grünen T-Shirt zu sein, ein Kellner, ein Biertrinker. Er aber war der Fremde auf dem Stahlsessel eines Gassenlokals, der die geborgte Zeit als beinahe körperlichen Schmerz spürte. Im Chaos fand er sich zurecht, es war die fremde Ordnung, der gegenüber er sich machtlos fühlte, [...]." (S. 31).

DiRocca, den US-Amerikaner mit italienisch klingendem Namen griechischer Abstammung, hat es in ein südamerikanisches Kaff verschlagen. Dort lebt er mit Inés, deren Brüste er "chinesische Märchen" nennt, die wiederum von ihm als ihren "Blauen Prinzen" spricht. Doch der Blaue Prinz kann Inés kein Königreich anbieten, er will sich nicht festlegen, geschweige denn auf eine gemeinsame Zukunft.

Einen Schmetterling will er suchen und einen Berg will er finden, denn beide hat noch keiner gesehen: "DiRocca lebte in einer eigenen Welt. Seine Wirklichkeit entsprach nicht der ihren, auch wenn die Umgebung dieselbe war. Immerzu erfand er Dinge, die das, was er sah, zu etwas anderem machten. DiRocca war ein Träumer, das tat ihr manchmal gut, wie es sie andere Male entzürnte. Bisweilen zweifelte sie auch an seiner Träumerschaft, vom Argwohn bedrängt, er mache, vielleicht ohne es zu wissen, sich und der Welt nur etwas vor." (S. 82). Das Angebot, als Tänzerin zu arbeiten, in einem anderen Land, in einer größeren Stadt, in einem Lokal, das man kennt: Inés folgt ihrem Plan, nachdem DiRocca den Ort verlassen hat, für eine Expedition in den Dschungel, um sein Netz auszuwerfen - zwei, die ein Land durchqueren, in dem die Zeit keine Rolle spielt. Gestern ist heute, morgen wird wie heute sein: nichts scheint sich hier vorwärtszubewegen. Gewalt regelt das Leben, auf die Gewalt folgt Erschöpfung, die Angst weicht der Gleichgültigkeit - bis alles von neuem beginnt ...

GAP: Riß, Spalte, Lücke. Die Satellitenfotos der U.S. Geological Survery zeigen dort, wo DiRocca den "unsichtbaren Berg" vermutet, einen weißen Keil mit der Aufschrift GAP. Der Riß geht quer durch das Land, in dem eine Soldateska im Auftrag des Regimes ebenso mordet wie eine Guerillaorganisation namens FARP revolutionären Eifer bekundet. "Friede", sagt ein Bauer zu DiRocca, "das sind die kurzen Pausen, in denen die Mörder erschöpft sind" (S. 184f.). Und das ist schon die konkreteste Aussage zur politischen Situation, die Peter Steiner in "GAP" zuläßt. Ein Kreuz, das am Wegrand an zwei Tote erinnert. Als Inés danach fragt, ob es ein Unfall war, bejaht der Bursche, den sie fragt, obwohl er weiß, daß seine Freunde Opfer eines bewaffneten Überfalls geworden sind, von Maschinenpistolen zerfetzt, doch: "Unfall oder Überfall, kaum ein Unterschied" (S. 281). Die Spalte: es ist erdrückend heiß, die Männer denken nur an das eine, und das nehmen sie sich mit Gewalt. Inés, die schon im Schlafsaal der Klosterschule erst- (und keineswegs letzt-)mals vergewaltigt wird; schwüle Männerphantasien, die ohne Bedenken und ohne Rückfrage in die Tat umgesetzt werden. Doch DiRocca, der Fremde, kann nicht von sich sagen, er wäre besser.

Nachdem ihm Barbara, die Studentenliebe, verlassen und mit einem anderen eine Familie gegründet hat, vergeht er sich an ihr bei der ersten Gelegenheit des Wiedersehens. "[...] er warf sie ins Laub, mit der Hast und Rücksichtslosigkeit eines Soldaten" (S. 66): das ist nichts anderes als die sublime Schilderung einer Notzucht. Denn daß die Frau als Freiwild betrachtet wird, hat seine Ursachen weder im Machismo noch in kulturellen Unterschieden, derlei Erklärungsformen- und Entschuldigungsformen gehen ins Leere: "Es lag nicht an diesem Land mit seiner gewaltreichen Geschichte und Gegenwart, hatte auch nichts mit abgeschiedenen Gegenden und leichter Beute zu tun. Es lag vielmehr an den Männern, auch an ihm." (S. 121). Die Lücke: Kaum zu einem anderen Zeitpunkt vermeint DiRocca mehr über sich zu wissen, als in den Momenten, da ihm mitten im Urwald Fieberphantasien den Geist vernebeln. Doch sonst ist da stets diese Lücke, die er verzweifelt versucht, zu schließen. Erinnerung, die trügt, Gegenwart, die befremdet.

Naturgemäß ist DiRoccas Reise durch das Land eine Form der Identitätssuche. Wenig hilft ihm dabei, selbst die Briefe nicht, die ihm Sophia schreibt, die er auf einer Forschungsreise kennengelernt hatte und mit der er seitdem über tausende Kilometer hinweg korrespondiert, dabei sein Innerstes, soweit ihm dies möglich ist, nach außen kehrend. Doch auch Sophia, die ihm nahe ist, weil er sie ferne weiß, vermag dem Eskapisten nicht weiterzuhelfen, nur er selbst kann seine lebenslange Flucht beenden.

Ein Leben im Ungefähren in einem Land, das genaue Definitionen verweigert. "Dort drinnen, ein bißchen weit" würden die Indios leben, erfährt DiRocca. Als er, den Gefahren des Dschungels entronnen, einen Indio nach der nächstgelegenen großen Siedlung fragt, erhält er zur Antwort: "Er ginge, bis er dort sei, und es daure seine Zeit, keine geringe, aber auch keine große, eine geringe große Zeit eben." (S. 304).

Das Vage, die Möglichkeitsform, nicht benennen, was nicht auch anders vorstellbar wäre. Es gibt den unsichtbaren Berg, und auch der seltene Falter ist noch nicht ausgestorben, solange danach gesucht wird. Nicht das Schließen, sondern nur das Erkennen von Lücken hilft weiter, so zeigt es Peter Steiner anhand des Schicksals seines Protagonisten DiRocca.

Kurt Hofmann
8. Februar 1999

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