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Raoul Schrott: Palazzo Passionei.

Fotos: Christine Ljubanovic.
Innsbruck: Haymon, 1996.
m. Abb., brosch.; öS 248.-.
ISBN 3-85218-215-9.

Link zur Leseprobe

Gäbe es ihn nicht wirklich, den Palazzo Passionei im italienischen Urbino, man würde einen Ort mit einem so pathetisch klingenden Namen viel eher in einem Heftchenroman, einer Kinoschnulze vermuten als in der Realität. Die Fotos von Christine Ljubanovic zeigen ein mittlerweile längst leer stehendes, dem Verfall preisgegebenes Renaissancegebäude, das, wie die Fotografin im Vorwort ausführt, vom Geschlecht der Passionei bis ins 18. Jahrhundert bewohnt wurde. Heute dienen die feudalen Räume bloß zur Lagerung von Materialien, die ironischerweise dazu verwendet werden, andere Häuser zu renovieren.

Ljubanovic hat es gerade der morbide Charme dieses Gemäuers angetan. In ihren Fotos, die über mehrere Jahre hindurch entstanden sind, fängt sie verschiedenste Stimmungen ein. Mit Vorliebe widmet sie sich dem milden Sommerlicht, das auf den Steinboden fällt, sich seinen Weg durch zerbrochene Fensterscheiben bahnt oder schwach einen Wandspiegel erhellt. Zwei der Bilder zeigen ein am Boden liegendes, ziemlich zerfleddertes Buch. Es handelt sich um ein sogenanntes gialli, ein italienisches Groschenheftchen aus den 60er Jahren, das die Fotografin bei einem ihrer zahlreichen Streifzüge durch den Palast entdeckte und das dem Co-Autor Raoul Schrott als Ausgangspunkt für seine den Fotografien beigesteuerte Detektivstory diente.

Schrott hat in seinem Debütroman "Finis Terrae. Ein Nachlaß" bereits vorgeführt, wie gerne er die Grenzen zwischen (scheinbarer) Fiktion und (scheinbarem) Original durcheinanderwirbelt. Auch dieser kurze und verspielte Text weigert sich, ein direkter Kommentar zu den Bildern zu sein, ebenso wie er eine geradlinige Geschichte vermeidet.
Das Handlungsgerüst: Ein Film soll gedreht werden, rund um die "Affäre Palazzo Passionei", die nun schon einige Jahre zurückliegt. Doch durch die erneute Recherche, in der die Unterlagen einer Detektiv-Agentur wegweisend sind, kommt der Fall eines Ehebruchs, in den wiederum höchste Kreise der Feltro-Film verwickelt sind, erneut ins Rollen. Selbst jener Detektiv, der in Ich-Form und dem Genre gemäßen coolen Ton die ablaufende Handlung erzählt, wird mehr und mehr in eine überaus gefährliche Situation hineingezogen.

Schrott geht es nicht darum, diese klischierte Geschichte nachzuerzählen, ihn interessieren vielmehr die einzelnen Puzzlesteine des Detektiv-Genres, der coole Ton seines Protagonisten, die unzähligen Verwicklungen, die man als Leser selbst nach mehrmaligem Lesen nur ansatzweise auseinander sortieren und sinnvoll zusammenbasteln kann. Aber auch dann bleiben viele Lücken, die nur durch die Phantasie des Lesenden überbrückt werden können. Doch um die wirklich anzukurbeln ist die Handlung einerseits zu verwirrend, andererseits zu vage und allgemein. Schrott bemüht sich zu sehr, die an sich banale Handlung wohlkalkuliert zu verschleiern. Alles, was wir sehen, ist, wie jemand ganz geheimnisvoll Puzzle spielt mit einem Heftchenroman.

Karin Cerny
11. Dezember 1997

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