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Leseprobe: Robert Schneider - "Die Luftgängerin."

Der Zug, in umständlicher Verbindung aus Mailand kommend, wuchs herein. Die Räder schliffen ohrenschmerzend im Geleise. Als er endlich zu stehen kam, hatte sich Ambros wieder einmal im Standpunkt verschätzt, wo sich eine Waggontür genau vor seiner Nase öffnen würde. Der Perron stand bevölkert mit einer Schulklasse aus Knickerbocker und Rucksack tragenden Jungen und Mädchen. Es roch ungewaschen und manchmal nach Kaugummi. Eine Seniorengruppe in rotweiß karierten Wollhemden und mit von blechernen Abzeichen übersäten Filzhüten schwitzte herbei vom gegenüberliegenden Perron, wo eben die Rätische Schmalspurbahn scharlachrot hinauskroch. Es war Wanderwetter.
Ambros zwang sich durch die Bergfreunde hindurch und verhakte sich an einer Geweihspitze, die der Knauf eines Wanderstocks war, der einem Jägersmann gehörte, dem das Klotzgesicht gehörte und ein hölzerner Fluch. Er stieg ein, öffnete die Tür des ersten Abteils, worin drei rauchende, in Gesichtszügen und glatt gescheiteltem Haar völlig gleichlautende Italiener saßen. Er hielt sie zumindest dafür. Seine Brillengläser beschlugen, er schob die Tür wieder zu, wischte sich die Brille, blickte ins folgende Abteil, wo er einen bebrillten und unfaßbar fetten Mann sitzen sah, der im Tagblatt stöberte. Ambros erwischte grad noch eine Titelzeile - Macht Urintrinken schlank? (S. 17)

Sie zeigte sich mit ihm im Café Grauh, dem Jacobsrother Intellektuellencafé, das zu der Zeit im Sartre-Fieber phantasierte, führte ihn dort als Künstler ein, während er ihre Definition geduldig in Kunsthistoriker abschwächte. Sie achtete peinlichst darauf, daß er kein Geld zu berühren hatte, wegen des Hautausschlags, denn sie liebte in der Zwischenzeit seine Marotten, und sie fand, daß er zehnmal phantasievoller sei als all die zahnfaulen, existentialistischen Jungen im Café Grauh.
In besagter Lokalität - die Welt ist wirklich klein - sah Ambros eines Tags den unfaßbar adipösen Menschen sitzen, dem er damals auf der Zugfahrt begegnet war. Er las die Tat und die Wahre Tat gleichzeitig, steckte in einem schwarzen Rollkragenpulli, in dem gut und gern ein ganzer Kindergarten Platz gefunden hätte.
Weiters machte Amrei ihn ihrer besten Freundin Ines bekannt. Als Ambros der fabelhaft aussehenden Ines die Hand reichte, ging Amrei ein Stich ins Herz. Sie wußte nicht weshalb und warum, und sie vergaß den Schmerz auch bald wieder. Es war eine vollendet glückliche Zeit.

(c) 1998, Blessing, München.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Der Autor war mit den von der Rezensentin ausgewählten Leseproben (S. 59 und S. 286f.) nicht einverstanden und gestattet nur Auszüge aus dem ersten Kapitel des Romans.

 

 

 

 

 

 

 

 

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