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Robert Stähr: Umtexte.

Linz, Wien: Blattwerk, 1997.
60 S., brosch.; öS 140.-.
ISBN 3-901445-16-1.

Link zur Leseprobe

Für Robert Stährs Buch "Umtexte" ist der Titel Programm: "Der Umtext will den Ausgangstext nicht ersetzen. Er kann diesen umkreisen, sich ihm nähern und sich von ihm entfernen." Solche Ausgangstexte sind dem Autor liebe Stücke der Literatur dort draußen in der Welt - der Weltliteratur - die er vor und während seiner "Umtext"-Produktion seinem poetischen Sensorium anverwandelt: Heiner Müllers "Bildbeschreibung", Franz Kafkas "Eine alltägliche Verwirrung" und "Die Brücke", Hans Christian Andersens "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen" und Edgar Allen Poes "Grube und Pendel" werden in Stährs Umtexten zu literarischen Bezugspunkten.

Paradoxerweise verwandeln sich diese literarischen Referenzobjekte durch Stährs "Umtexte" zu Bezugspunkten der außer-literarischen Welt. In der Textvorlage auftretende Figuren werden im neuen Text dadurch rückwirkend verfestigt und verfleischlicht, daß sie ihre Qualitäten, Charaktere, Biographien ein zweites Mal durch den Autor Stähr hindurch erleben müssen, wenn auch umgetextet und dadurch abweichend von der Quelle.

Es ist jedoch kein Zauberkabinettstück, kein Vexierspiel mit Realitätsebenen und Zwillingswelten, das aus postmodern unangetasteter Selbstsicherheit und -genügsamkeit lieblos abgespult würde; vielmehr schreibt sich Stähr existentiell und unentrinnbar in die fremden Textwelten ein. Er erweitert damit jenen Grundgedanken der Moderne, daß alle Materialen - unabhängig von ihrer üblichen Bedeutung - gleichwertig betrachtet und benutzt werden können, dahin, daß seine "Umtexte" vor den üblichen Wirklichkeits- und Textdefinitionen nicht halt machen: Seine Ausgangstexte sind ihm in den "Umtexten" ebenso Material wie seine Befindlichkeiten. Unklar und poetisch wirksam wird damit, was Früheres und Späteres, was Impuls und Ergebnis war.

"Umtexte" sind somit gleichzeitig eine feinsinnige Interpretation von Hauptwerken der Literaturgeschichte und eine genuine literarische Reaktion, die der These vom Verschwinden des Autors im Text neue und überraschende Aspekte abringt.

Thomas Eder
22. September 1997

 

 

 

 

 

 

 

 

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