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Peter Turrini: Die Liebe in Madagaskar.

Ein Theaterstück.
München: Luchterhand Literaturverlag, 1998.
107 S., geb.; DM 25.-.
ISBN 3-630-86983-1.

Link zur Leseprobe

Wollte man "Die Liebe in Madagaskar", Peter Turrinis neues Stück, soeben am Akademietheater uraufgeführt, in den Turrini-Kosmos einordnen, würde es ganz nah bei "Alpenglühen" seine Runden ziehen, auch "Rozznjogd" gäbe einen passenden Trabanten ab. Turrini variiert erneut eines seiner Leibthemen, die Suche nach der Wahrheit mitten in der Lüge. Zwei Menschen werden zum Liebespaar, entkommen dem für Turrini allesumfassenden Schein für kurze Momente ausgerechnet dadurch, daß sie sich Filmszenen ausdenken und nachspielen. Freilich fehlt das happy ending, am Schluß kehren beide in ihr altes, geordnetes Leben zurück. Das Stück erzählt ein anrührendes Kleine-Leute-Melodram.

Peter Turrini ist damit aber auch wieder gefährlich nah am Kitsch, dem Kinogefühlskitsch. Er schickt seine Zuschauer in die sehnsuchtsbeladene Traumwelt von Cannes, wo Stars, Sternchen und zwielichtige südamerikanische Geschäftsmänner ihr Geld mit falschen Gefühlen machen. In dieser Glamourwelt taucht ausgerechnet Pepi Ritter, ein heruntergekommener Kinobesitzer aus Wien-Penzing auf. Der Schauspieler Klaus Kinski, ein Jugendbekannter, hat ihn in einem Brief um Hilfe gebeten. Zu Tode erkrankt, benötigt Kinski Geld, das Ritter in Cannes vier dubiosen Südamerikanern für ein neues Filmprojekt abknöpfen soll. Johnny, wie sich Ritter nennt, kommt dabei in eine für ihn unmögliche Situation, der "lächerlichste und phantasieloseste Mensch" (S. 16), muß die Geschichte eines Films aus dem Stegreif erfinden. Also klaubt er Versatzstücke aus seinem trostlosen Lebens zusammen und strickt daraus eine Filmschnulze: Die Liebe in Madagaskar. Ein Melodram, das vom späten Glück zweier Hoffnungsloser erzählt, die noch einmal alle "Höhen und Tiefen der Liebe" (S. 58) erleben.
Wie das so sein muß, wird Johnny als falscher Filmproduzent ("Ein Filmproduzent darf alles." S. 28) von einer reiferen Schauspielerin umgarnt, gemeinsam tauchen sie in den geplanten Film ein, vermischen das eigene klägliche Leben mit ihren längst aufgegebenen Träumen vom ganz großen Glück. Casablanca wird zitiert, und das "eigentliche Thema des Films" (S. 81), die Wände zwischen den Menschen niederreißen, vorexerziert.
In ihren Lügen finden die beiden zusammen. Dazwischen verstreut Turrini gesellschaftskritische Einsprengsel und Anekdoten über McDonalds, Rinderwahn, Jugendarbeitslosigkeit, den Stand der Welt. Bald ist Pepi Ritters Traum jedoch ausgeträumt: Über den Bildschirm erfährt er vom Tod Klaus Kinskis, die Südamerikaner holen daraufhin brutal ihr Geld zurück, und Pepi macht sich auf den Weg zurück nach Wien. Am Flughafen trifft er noch einmal die Schauspielerin, sie entpuppt sich als verheiratete Versicherungsangestellte aus Hannover. Alles nur Schein. Wieder zu Hause in seinem schäbigen Kino legt Josef Ritter seinen ganzen Schmerz, seine ganze Sehnsucht in einen "durchdringenden" Tarzanschrei.

Turrini konzentriert sein Stück völlig auf die beiden Hauptrollen, den Kinobesitzer und die Schauspielerin, die Nebenrollen erstarren in Klischees oder driften ins märchenhafte Filmzitat ab, wie etwa der traurige, fette Engel, der bedeutungsschwer durch den Text geistert. So hat Peter Turrini im Grunde ein Zwei-Personen-Stück voller guter Absichten geschrieben: Er erfüllt die Sehnsüchte von zwei alternden, unscheinbaren Leuten, schenkt ihnen eine Traumreise mitten ins Glück hinein. Es ist nie zu spät für die Liebe!, ruft das Stück allen älteren Lesern und Zuschauern ermunternd zu und wendet sich dadurch zumindest an ein klar definiertes Zielpublikum.

Zudem hat der Autor sein neues Stück sichtlich auf seinen "Star" hingeschrieben. Nach "Grillparzer im Pornoladen" ist die Rolle des Pepi Ritter das zweite Denkmal, das der Autor dem Schauspieler Otto Schenk setzt. Da auch Otto Schenk auf sein treues Stammpublikum vertrauen darf, scheint, trotz zahlreicher Schwächen des Textes - wie etwa Turrinis Unentschlossenheit, ob er jetzt Typen oder Menschen zeichnen möchte, oder auch die geschwätzige Überartikuliertheit seiner Figuren - der Publikumserfolg im Theater vorprogrammiert.

Karin Cerny
6. April 1998

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