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Heinz R. Unger: Karneval der Götter.

Ein Griechenlandroman.
Haymon: Innsbruck, 1999.
237 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85218-287-5.

Link zur Leseprobe

Ich mag die Theaterstücke Ungers, denn dort habe ich ihn als Autor kennengelernt, der gut auf den Punkt kommen kann, der präzise beschreiben kann und auf ehrliche Weise Menschen zeichnet. Doch Ungers Griechenlandroman enttäuscht ein wenig, wenn man Ungers Theaterseite kennt und liebt.

Der Roman spielt in Griechenland, in der Landschaft von Mani. Er berührt ein politisches Thema der Vergangenheit, nämlich die Ausschreitungen von Hitlers Schergen in einem griechischen Dorf. Auch die Sehnsucht deutscher Touristen, in Griechenland ein erfüllteres und tieferes Leben führen zu können, wird als Utopie dargestellt. Und - als eher belustigender Aspekt am Rande - auch die alten Götter scheinen mitzuspielen. Eigentlich ist alles da, was einen wirklich unterhaltsamen Roman mit einigermaßen Tiefgang ausmachen könnte. Doch Unger bleibt seltsam belanglos und an der Oberfläche der Dinge.

Der junge Takis, wahrscheinlich von Zeusvater persönlich in einer seltsamen Laune gezeugt, jedenfalls nicht der Sohn seines offiziellen Vaters Dimitris, vergeudet das Geld seiner Eltern beim angeblichen Studium in Athen, während er eigentlich auf der Suche nach dem eigentlichen Sinn seines Lebens ist. In Athen führt ihn das Schicksal mit dem Kioskbesitzer Kastaniotis zusammen, der früher versehentlich zum Mörder geworden war, nunmehr Spinner mit einer Theorie über das weltliche Leben der alten Götter. Takis hat diverse Probleme mit diversen Frauen, Kastaniotis mit diversen ehemaligen Schuldnern, also machen sich beide unter dem Druck der Verhältnisse - ohne sich gegenseitig die ganze Wahrheit zu sagen - auf, um Takis' Eltern in deren Bergdorf zu besuchen. Dort haben sich mittlerweile die jungen Deutschen Ludwig und Gisela Wagner den zweifelhaften Traum vom arkadischen Leben in einem baufälligen griechischen Häuschen verwirklicht. Der ehemals erfolgreiche, nun todkranke Doktor Wagner, Ludwigs Vater, der wegen seiner Erlebnisse als Soldat ein Griechenlandtrauma hat, macht sich zu einer letzten Reise zum Sohn auf, um eine Aussprache herbeizuführen, aus der doch nichts wird. Im Bergdorf trifft er - ohne Folgen - auf Kastaniotis, der als eines der wenigen Kinder das Massaker von Hitlers Soldaten überlebt hat. Der alte deutsche Vater stirbt ohne Versöhnung, zu einer wirklichen Begegnung zwischen den Menschen kommt es nicht, und Takis heiratet am Ende wahrscheinlich doch Iphigenia, die er unwissentlich geschwängert hat, und alles nimmt seinen vorherbestimmten Lauf.

Unger schafft es nicht, der Fülle von potentiell interessanten Figuren Leben und Substanz zu verleihen. Sie wirken - obwohl der Autor stellenweise ihre Gedanken wiedergibt - wie flüchtige Bleistiftzeichnungen ohne wirkliche Kontur. Dies mag daran liegen, daß Unger zwar Momentaufnahmen aus dem Innenleben der Personen bringt, ohne diese Momentaufnahmen jedoch zur Motivation der Handlungen der Figuren einzusetzen. So fehlt eine wirkliche Tiefe, da die oberflächlich beschriebenen Handlungsstränge verbindungslos neben diesen Momentaufnahmen der Gedanken stehen. Man hat das Gefühl, als ob Unger hier eigentlich Theaterfiguren entworfen hat, die durch das Spiel von Schauspielern erst ihr Leben und ihre volle Größe erhalten. Leider aber ist es ein Roman geworden, und kein Theaterstück.

Unger deutet an (und so auch der Klappentext), daß die alten griechischen Götter heute noch auf der Erde in die Geschicke der Menschen eingreifen. Leider bleibt es bei der Andeutung: die Götter existieren wohl nur für Kastaniotis in seiner kranken Phantasie, wodurch sich Unger selbst seinen eigentlich zauberhaften Aufhänger wieder kaputtmacht. Denn am Ende ist man enttäuscht darüber, daß man, durch den Klappentext und den Autor auf eine falsche Fährte gelockt, dem Roman so weit gefolgt ist, um dann festzustellen, daß man sich 200 Seiten lang nur mit den banalen Alltagsproblemen banaler Menschen beschäftigt hat.

Eva Reichmann
8. Juni 1999

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