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Heinz R. Unger: Löwenslauf.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2004.
239 S.; geb.; Eur[A] 19,90 .
ISBN 3-85218-459-2.

Link zur Leseprobe

Heinz R. Unger stellt seinem Roman "Löwenslauf" ein Motto von Miguel de Cervantes voran: "Eine der Wirkungen der Furcht ist es, die Sinne zu verwirren und uns die Dinge anders erscheinen zu lassen, als sie sind." Die Furcht, die Verwirrung, die Realität. Was ist der Mensch? Wer bin ich? Das sind die Fragen, die die beiden Hauptfiguren des Romans treiben, den pensionierten Wiener Kriminalbeamten Fuchs und den Lebenskünstler Lapinski. Die beiden begegnen sich erstmals, als Fuchs einen Arbeitsunfall beobachtet: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg stürzt in Wien ein junger Arbeiter von einem Baugerüst, Lapinski hält ihn zwar, lässt ihn dann aber aus. Konnte oder wollte er ihn nicht halten? Unfall oder Mord? Fuchs bemerkt die Tätowierung am Toten, die seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS verrät. Als er Lapinski nach dem Tathergang befragt, gibt dieser verwirrende Antworten, hält ihm verschiedenste Dokumente hin, die ihn als Lapinski ausweisen, behauptet aber steif und fest, nicht Lapinski zu sein: "Wer zum Teufel sind Sie, Lapinski?" Die Frage, die zum movens des Romans wird.

Ab diesem Zeitpunkt werden sich die Wege von Fuchs und Lapinski immer wieder kreuzen. Sie treffen sich zum Schach, erzählen aus ihrer Vergangenheit, kommen einander näher, verstehen aber werden sie einander nicht.

Die beiden sind zwei gänzlich verschiedene Charaktere, gemeinsam ist ihnen jedoch die schreckliche Erfahrung der Verfolgung durch die Nazis. Der rote Fuchs war wegen seiner kommunistischen Überzeugung im KZ, Lapinski wurde wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Beide gehen mit ihren Erfahrungen unterschiedlich um: Fuchs gelingt es, ein "normales" Leben als Kriminalbeamter zu führen, Lapinski dagegen schafft es nicht, sich in die österreichische Nachkriegsgesellschaft zu integrieren.

"Der Kater lässt das Mausen nicht". Fünfzig Jahre nach dem Krieg ist Fuchs längst schon pensioniert, doch seine Polizeischnüfflernase hat er nicht ablegen können. Einmal im Jahr besucht er seine alte Dienststelle. Dabei erfährt er, dass ein Unfall passiert ist, ein alter Mann bei einem Freiluftschachspiel gestürzt und schwer verletzt worden ist. Während die Polizei Fremdverschulden ausschließt, wittert Fuchs ein Verbrechen und erkennt im Opfer seinen alten Bekannten Lapinski wieder. Der Fuchs macht sich auf die Spur.

Wer aber ist Lapinski? Sein Vater ist ein jüdischer Wiener Uhrmacher, der im Widerstand aktiv ist. Weil die politische Lage zunehmend bedrohlicher wird, schickt ihn der Vater ins französische Elsass, wo er bei Monsieur Bernier unterkommt, ebenfalls Uhrmacher, der für die Résistance arbeitet. Er verliebt sich in Mireille, die um einige Jahre ältere Tochter des Hauses. Zu dieser Zeit heißt Lapinski aber noch nicht Lapinski. Zu seinem Schutz vor den Deutschen erhält er eine neue Identität, bekommt gefälschte Papiere lautend auf einen Polen namens Lapinski, ein ehemaliger Restaurator, der in einem Friedhof in den Vogesen liegt. Lapinski kommt als Zwangsarbeiter in die Hermann-Göring-Werke in Linz, die spätere VÖEST, dann nach Wiener Neustadt, wo er im Widerstand aktiv sein und kleine Sabotageakte durchführen soll.

Nach dem Krieg kehrt er ins zerstörte Wien zurück. Die Eltern sind tot, umgebracht von den Nazis, die Werkstätte des Vaters liegt in Schutt. Nach Wien mitgenommen hat er die neugeborene Tochter Mireilles, weil diese an Leukämie gestorben ist und all ihre anderen Verwandten ebenfalls im Widerstand oder an der Front umgekommen sind.

Während Fuchs scheinbar geordnet sein Leben lebt und nicht mehr zum Gefühl, zur Liebe fähig ist, treibt und nervt Lapinski seine Umwelt wie ein kleines Kind, fordert seine Familie, seine Bekannten ständig heraus. Er führt ein unstetes Leben, ist ständig auf der Suche nach Neuem, findet aber doch nicht zu sich und bleibt entwurzelt. Er konstruiert Kreuzworträtsel, arbeitet am Bau, schreibt an einem Buch, "Hundert Möglichkeiten, in Vergessenheit zu geraten". Darin geht es um "Tarnen und Täuschen, um Pirschen und Fallenstellen und um die gesellschaftlichen Masken, die wir alle tragen. Was man eben so braucht zum Überleben in der Wildnis..." Lapinski ist nämlich davon überzeugt, ein Löwe zu sein.

Unger hat sich wie schon in seinem ebenfalls bei Haymon erschienenen, gelobten Buch "Zwölfeläuten" der Zeitgeschichte gewidmet. Er führt den Leser auf den Spuren von Fuchs und Lapinski durch die österreichische Nachkriegszeit, die Ruinen Wiens, den Schwarzmarkt der unmittelbaren Nachkriegszeit, durch die Razzien, bei denen manch andere falsche Identität ans Licht kam, die sich manifestierende Spaltung in eine sozialistische und bürgerliche Reichshälfte, er erzählt vom Niedergang der Kommunisten, von den Befreiungsbewegungen der 68er und zeichnet dabei ein buntes, anschauliches Bild der jüngeren österreichischen Vergangenheit.

Durchsetzt ist die Erzählung, die nicht chronologisch, deshalb aber nicht unübersichtlich vorgeht, von Auszügen aus dem "Konvolut" Lapinskis, in dem dieser über seine Rolle als Löwe philosophiert, was konstruiert wirkt und den restlichen Teil, die eigentliche Erzählung, ein wenig aus dem Takt bringt. Unnötig und klischeehaft muten auch die Klagen von Fuchs an, die moderne Jugend nicht mehr zu verstehen.

Abgesehen von diesen beiden kleinen Schwachpunkten erzählt Unger eine spannende und lesenswerte Geschichte vom Spiel mit Identitäten und vom Umgang mit Geschichte. Er erweist sich dabei als Kenner der Zeit, der es versteht, Geschichte in Literatur zu übersetzen. Am Ende des Romans weiß der Leser sehr viel mehr über Lapinski. Wer aber war er wirklich?

Peter Landerl
15. Oktober 2004

Originalbeitrag

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