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Birgit Unterholzner: Die Blechbüchse.

Erzählungen.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus, 2006.
155 S.; brosch.; Eur 15,90.
ISBN 3-7082-3201-1.

Link zur Leseprobe

"Die Blechbüchse" erzählt Geschichten von Liebe und Sehnsucht, Einsamkeit und Tod, vom Fluch des Erinnerns und vom Traum der Veränderung. Geschichten aus dem Leben. Geschichten, die unter die Haut gehen. Dicht komponiert und spannend!

So steht es auf dem Umschlag des 2006 erschienenen Erzähldebuts von Birgit Unterholzner - ein Mund voller Versprechungen, so mag man wohl denken, doch die Autorin kann diese und noch einiges mehr durchaus einlösen.

"Die Blechbüchse" beinhaltet 5 unterschiedliche und doch ähnliche Erzählungen. In der ersten, die dem Band ihren Namen gibt, geht es um eine Familie. Eine Ich-Erzählerin berichtet von ihren Eltern, ihrem Sohn und dessen Vater. Die Erzählerin verliert bei einem Flugzeugabsturz, bei dem wie durch ein Wunder "nur" zwei Menschen sterben, ihren hochstilisierten Vater und die weniger geliebte Mutter. Im Laufe der Erzählung verändern und erweitern sich die Bilder, die die Frau von ihren Eltern hat, da sie eine Blechbüchse mit Briefen findet - Briefe ihres Vaters an ihre Mutter.

In dieser Erzählung wie auch in den folgenden gerät der Leser mitten hinein in ein Geschehen, das anfangs nicht nachvollziehbar, nicht begreifbar ist. Erst nach und nach enthüllen sich die Geheimnisse.
In der "Blechbüchse" gelingt es weniger elegant als in den nachfolgenden Erzählungen, diese etwas konstruiert wirkende Spannung aufrecht zu erhalten, ist doch allzu leicht durchschaubar, was geschehen wird. Aber die eigentliche Geschichte liegt ohnehin dahinter und in der Sprache. Eines der letzten Tabus wird angeschnitten, nämlich die inzestuöse Zuneigung der Tochter zu ihrem Vater. "Es schien, als ob Vaters bestohlene Hände bloß auf diesen Enkel gewartet hätten. [...] Später, als Manfred fort war, wusste ich, dieses Kind hatte ich für Vater geboren." Die zu Beginn so ungeliebte Mutter wird immer wieder mit Manfred, dem Vater ihres Sohnes verglichen, was für beide wenig schmeichelhaft ausfällt. Die Gedanken kreisen sehr viel um Vergangenes, nicht Verstandenes, und um die Dekonstruktion eines traditionellen Familienbildes, das, wie sich herausstellt, nur bedingt und oft auch gar nicht funktioniert.

Die zweite Erzählung nennt sich "Dialoge in Prag". Wieder erfährt der Leser schleichend, was im Leben der zwei Frauenfiguren Franka und Therese vorgeht. Die dichte und metaphernreiche Sprache liefert ein Bild sowohl von den Innen- als auch von den Außenwelten der Frauen. Beide werden von ihrer Vergangenheit eingeholt, können sich ihr nicht entziehen und leiden unter ihr. Prag ist die Kulisse, die alte Gefühle zu neuem Leben erweckt. Therese war in ihrer Jugend in dieser Stadt sehr verliebt, ihr Schwelgen und Schwärmen steht in scharfem Gegensatz zu Frankas leidvollen Jugenderinnerungen. Wieder ist Inzest ein Thema: Den ersten Kuss erhält Franka von ihrem Bruder und auch "Die Meerschweinchen sollten in unterschiedliche Gruben, obwohl sie verwandt waren, Geschwisterchen sozusagen. Damit sie keine Dummheiten machten."
Der Tod und das Leben werden gekonnt gegenüber gestellt und ineinander verflochten, wobei die Vergangenheit in ihrer Übermächtigkeit das Leben und die Gegenwart bedingt, ja nahezu ersetzt.

In "Eva Maria" geht es um eine Frau, die den Verlust ihres Kindes nie verkraftet hat und seither auf der Suche nach ihm ist. Wiederum bestimmen vergangene schreckliche Ereignisse die Gegenwart. In diesen Erzählungen wird man keine moralischen Floskeln zur Bewältigung der Vergangenheit(en) vernehmen, vielmehr wird die Nichtbewältigung geschildert, die jedoch keineswegs einem Scheitern gleichkommen muss.

Auch in "Komm zu mir" geht es um die Suche nach einer Liebe, die zwar noch besteht, die geliebte Person ist jedoch nicht mehr anwesend. Erst langsam erschließt sich, dass es sich bei den Liebenden um zwei Frauen handelt. Aber wie so oft in der Literatur haben lesbische Liebesbeziehungen wenig Zukunft, hier nicht einmal eine Gegenwart, nur die Vergangenheit.

Die letzte Erzählung, "Das Lächeln der Thaifrau", erzählt von einer Dreiecksbeziehung zwischen einem deutschen Ehepaar und einer jungen Thailänderin. Die beiden Frauen werden in diesem Text nicht nur kulturell, sondern auch körperlich schonungslos gegeneinander aufgewogen. Die Ehefrau mutiert zur "weissen Elefantenfrau", während die "Thaifrau" sehr kindlich dargestellt ist, klein und zierlich. Der Ehebruch, wenn es denn einer ist, geschieht vor allem im Kopf des Mannes, der sich von der "exotischen" Frau und der anderen Welt, die sie verkörpert, stark angezogen fühlt. Doch die Ehefrau gewinnt - jedenfalls ihre Stärke zurück.

Birgit Unterholzners Figuren haben alle etwas Geheimnisvolles an sich, die Autorin spielt gekonnt mit Spannung und ihre Sprache trägt als gut durchdachtes Stilmittel einen großen Teil der Erzählungen. Nur manchmal stolpert man über Formulierungen, die weniger ausgereift sind als andere, die aber durchaus auch bewusst eingesetzte Stolpersteine sein könnten.
- Wie auch immer, Birgit Unterholzners Bilder, Vergleiche, Metaphern, die verschiedenen Ausdrucksweisen und Sprachebenen machen diese Erzählungen zu wunderbaren, seltsamen und äußerst lesenswerten.

Viktoria Pötzl
25. September 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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