Leseprobe: Heinz R. Unger - "Zwölfeläuten."

Jetzt geht die Tür auf, herein tappt der Ortsvorsteher und lehnt sich, als wäre ihm jeder weitere Schritt zuviel, an den Türstock. Dumpf starrt er die Dörfler an.
"Vater", sagt die Kathi sanft wie eine Krankenschwester, "was war denn? Was war mit die Partisanen?"
Da richtet sich der Sonnleitner, ein wahrer Pflichtmensch, wieder auf und verkündet großartig: "Leutln! Ich sag euch, Sankt Kilian am Krahberg hat seine Pflicht erfüllt!"
Der Pfarrer führt ihn behutsam zum Stammtisch, stützt den Ortsvorsteher dabei am Arm, und der geht mit kleinen Schritten und weichen, zitternden Knien. "Erzähl, Sonnleitner", läßt er sich bitten.
Der Sonnleitner hält sich an der Tischplatte fest, und während er sich langsam auf die Bank gleiten läßt, sagt er inbrünstig: "Ich sag euch, ich stünd jetzt net da, wenn sich der Lindmoser net den Haxen verknackst hätt..."
Die leise Stimme des Pfarrers durchdringt die folgende Stille: "Lieber Gott, danke, daß sich der Lindmoser den Haxen verknackst hat..."
Im nächsten Moment fliegt die Türe auf und der Förster trampelt herein, wütend wie ein spanischer Kampfstier. "So ein Pech", flucht er, "so ein verdammtes Pech, daß sich der Lindmoser den Haxen verknackst hat!" Und er stößt beim Niedersetzen den Gewehrkolben zornig auf ein Bodenbrett, als wollte er es erschlagen.
"Aber wieso denn?" fragt der Pfarrer.
"Weil wir deshalb zu spät an die Front gekommen sind", schnaubt der Fichtelhuber.
(S. 54)

©2001, Haymon Verlag, Innsbruck.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.