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Leseprobe: Alois Vogel - "Zeitmäander"

ES IST ZEIT EINZUGESTEHEN

I

Es ist Zeit einzugestehen
daß wir versagt haben
immer wieder
haben wir versucht
menschlich zu werden
Kultur nannten wir es
Mit dem Aufbruch aus dem Chaos
begann es und
führte über Gemeinschaft
im Glauben in Brüderlichkeit
zu Tempeln des Lichts
zu Symphonien
weltumspannender Harmonien
Noch die Fischsuppe
armer Bewohner der ägäischen
Küsten zeugen mit ihren Zutaten
von ihrer hohen Kultur
von ihrer Zeit die sie hatten
zum Auswählen was zu welchem
zum Abschmecken Hinhören Abtasten
die feinen Nuancen erkennend Nur
wenigen Alten in ärmlicher Umwelt
ist das heute noch möglich

II

Doch immer mehr und mehr
umspannt alle Völker
dieser Erde das alte Chaos
im neuen Gewande
Chaos mit Namen Ordnung
Hackordnung nennt es sich
und Sozialdarwinismus
Und Kultur nennt sich heute
was einzig Afterkultur ist
Festspiele Premieren Vernissagen
sind Geschäftskonferenzen
und Modeschauen der Haute Couture
während die Schulen
gelangweilte Siebzehnjährige
uniformiert in Bluejeans
durch den Louvre und den Prado treiben
Die Getriebenen aber schon
an die Hamburger und die
eisgekühlten Flaschen Coca Cola denken
die zu Hunderttausenden
alle nach gleichen Rezepten
die Fabriken verlassen
während die Herren in Smokings in Fräcken
die Damen in Abendkleidern
zum nächsten "Kulturereignis" eilen

III

Es ist Zeit einzugestehen
daß wir versagt haben
daß zwar dieser und jener
ärmliche Alte versucht
einen Stehplatz für den Wozzek
zu erhalten doch daß man dann zu des Regisseurs Musik und
des Dirigenten Inszenierung
eine Kreuzung von Fux und Gershwin spielt
Es ist Zeit daß diese Erde
von den Herren in Smokings und Fräcken
den Damen in Abendkleidern
den Kindern in ihren Bluejeans
selbst von dem armen Fischer der Ägäis
dem Alten auf der vierten Galerie
endlich getilgt wird da noch im Samen
der Gerechten unsere Hybris keimt
Wir werden es noch mit unseren
Bombenflugzeugen schaffen
die wir neben den Computern
als weit höhere Werte
unserer Kultur betrachten als
die Nike von Samothrake
und Beethovens opus 135
(S. 224ff.)

(c) 1998, Deuticke, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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