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Leseprobe: Gabriele Vasak - "Mauersegeln."

Sie hatte einen Vorstellungstermin fixiert und war gleichzeitig widerstrebend und gleichgültig hingegangen. Die Stelle hatte sie weder besonders interessiert, noch war ihr die Stimme des Mannes am Telefon sympathisch gewesen.
Es war ein kühler, windiger Vorfrühlingstag gewesen. Weil sie etwas zu früh gekommen war, war sie in der Vorstadtgegend noch einige Häuserblocks abgegangen, bevor sie die zwei Treppen hinaufgestiegen war und geläutet hatte.
Eine mißtrauische Sekretärin hatte ihr die Tür geöffnet und sie gebeten, noch ein paar Minuten zu warten. Der Raum war durchschnittlich häßlich und leicht schmierig. Zehn Minuten später war ein mittelgroßer, massiger Mann hereingekommen, der sie mit übertriebener Jovialität begrüßt und sie aufgefordert hatte, ihm in sein Zimmer zu folgen. Auch dieser Raum wirkte leicht verwahrlost und schmutzig, mit lieblos zusammengestellten Regalen, Schränken und zwei Schreibtischen vollgeräumt.
Der Mann hatte hinter seinem Tisch Platz genommen und ihr einen Stuhl ihm gegenüber hingestellt. Er war aufgeräumter Stimmung gewesen, hatte mit kurzen, ihr unverständlichen Sätzen die freie Stelle beschrieben und sie nach ihrem Lebenslauf gefragt. Sie hatte erst einige wenige Sätze formuliert, als er sie schon unterbrochen und fröhlich gemeint hatte, daß das ja ganz ausgezeichent sei. Sie hatte das Gefühl gehabt, daß er nicht ihre Qualifikation überprüfte, sondern etwas ganz anderes. Er hatte ihr Zigaretten angeboten und von seiner Arbeit erzählt. Er schielte mit einem Auge, und sie hatte nicht genau gewußt, wie sie ihn anschauen sollte.
Sie komme auf jeden Fall in die engere Auswahl, sie werde in zwei Wochen von ihm hören, hatte er abschließend gesagt und war aufgestanden. Dabei hatte er seinen Stuhl umgeworfen, ein wenig betreten gelacht, sich linkisch verabschiedet und ihr alles Gute gewünscht.
Als sie wieder auf der Straße gestanden war, hatte sie gewünscht, nicht hergekommen zu sein.

Zehn Tage später hatte er angerufen und sie zu einem zweiten Gespräch mit den Geschäftsführern eingeladen. Als sie am darauffolgenden Tag wieder dort erschienen war, hatte ihr ein anderer Mann geöffnet. Er hatte eine Kaffeetasse in der Hand gehalten und sich kurz vorgestellt. In dem Raum hatte hektische Betriebsamkeit geherrscht, ein zweiter, sehr junger Mann und der andere, den sie vom ersten Gespräch her kannte, hatten sich laut unterhalten, dazwischen war die Sekretärin immer wieder mißmutig herein- und hinausgeschlappt. Schließlich hatten der Junge und der Schielende Platz genommen und auch ihr einen Stuhl angeboten. Er sei der Geschäftsführer, hatte der Junge gesagt, sich zurückgelehnt, die Finger verschränkt und begonnen, über den Betrieb zu erzählen. Er hatte von vielen interessanten Aufgaben geredet, die hier auf sie warteten, und von der Möglichkeit, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen, wenn sie welche hätte. Er hatte ihr keine einzige Frage gestellt, hatte nur in ihrem Lebenslauf geblättert. Er könne sich das vorstellen, hatte er sich dann an den anderen gewandt, letztlich aber werde ja er, Holzinger, hauptsächlich mit ihr zusammenarbeiten, also bliebe ihm das letzte Wort, hatte er gesagt, gelacht, war aufgestanden und aus dem Zimmer gegangen. Der andere hatte sie dann gefragt, ob sie noch Fragen hätte. Ihr war noch immer völlig unklar gewesen, was es hier zu tun gab, aber sie hatte nicht gewußt, wo und wie sie mit dem Fragen beginnen sollte, also hatte sie nein gesagt.
Sie werde bald von ihnen hören, hatte der Schielende gesagt, gegrinst, hatte sich verabschiedet und sie zur Tür begleitet.
Zwei Tage später hatte er angerufen, er freue sich, ihr mitteilen zu können, daß man sich für sie entschieden habe, hatte er gesagt und ihr bis zum Arbeitsbeginn in zwei Wochen noch eine schöne Zeit gewünscht. Sie hatte aufgelegt, war bedrückt gewesen, jetzt hatte sie also einen Job. (S. 18-21)

(c) 1998, Milena, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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