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Franz Weinzettl: Abseits, auf den Gleisen.

Wien: Edition Korrespondenzen 2008.
Geb.; 274 S.; Eur 23,70.
ISBN 978-3-902113-55-9.

Link zur Leseprobe

Franz Weinzettl, einer der besten unter den weniger bekannten österreichischen Schriftstellern, hat eine Liebesgeschichte geschrieben. Das Außergewöhnliche an dem zärtlichen, sensiblen, romantischen Buch ist, dass diese beschriebene Liebe nicht zwischen zwei Menschen spielt, sondern zwischen einem Mann und einer Zugstrecke, einer Nebenstrecke in der Südoststeiermark. Wenige Züge, meist nur aus einem einzelnen Triebwagen bestehend, verkehren auf der von Auflassung bedrohten Strecke. Regelmäßig reist der Erzähler auf seiner geliebten Strecke in seine Geburtsheimat, meistens in einem wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Rhythmus. Oft ist er der einzige Fahrgast, ständig reist die Angst mit, die Verbindung könnte eingestellt werden.

"Abseits, auf den Gleisen" lautet der Titel von Weinzettls neuem Buch, das weder ein Roman noch eine Erzählung im klassischen Sinn ist. Der Erzähler berichtet in Tagebuchform über seine Wahrnehmungen während der Zugfahrten, aber auch während seiner Spaziergänge und Wanderungen entlang der Strecke. Alles hat Platz in diesem Buch der Beobachtung und Anschauung, das Wetter, die Tiere und Pflanzen, das (scheinbar) geringste und nebensächlichste Detail. Der Erzähler will die Zugstrecke in ihrer Totalität, er will sie allumfassend aufnehmen und begreifen. "Er war ein Jäger und Sammler, aber eigener Art; seine wichtigsten 'Speicher', neben dem Gehirn, das Notizbuch und der Film im Fotoapparat."

Man weiß von Leuten, die der Faszination für Eisenbahnen oder für ihre Modelle erlegen sind, von Freaks, die sich auf Fachmessen oder in Internetforen treffen, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Weinzettls Erzähler, im selben Jahr und in der selben Stadt wie der Autor geboren, ist dagegen ein Einzelgänger, der seine Liebe mit niemandem teilt, und er interessiert sich nicht so sehr für die Züge als für die Strecke. "Öfter beim Gehen hätte er sich gewünscht, ein Fachmann hätte ihm alles über Schienen, Schwellen, den Bahnbau, die Oberleitung und die Streckenzeichen erzählt. Am wenigsten, wie ihm jetzt erst auffiel, interessierten ihn die Lokomotiven, die Triebfahrzeuge und Waggons; an deren Stelle ja er selber unterwegs." (S. 58)

"Abseits, auf den Gleisen" ist im Schreibstil den Journalen Handkes verwandt, in der Sprache, im Beobachten, im Anschauen der Dinge. Den Reiz von Weinzettls Verfahren macht aber aus, dass es keine Rahmenhandlung gibt, dass der Leser praktisch nichts über den Erzähler erfährt, der sich nur als fast manischer Aufschreiber, Aufzeichner und Fotografierer präsentiert. Dass nur von den Gleisen, von der Natur, die sie umgibt, selten nur von den Leuten, die entlang der Strecke wohnen, die Rede ist. Das ist ein konsequentes und riskantes Verfahren, und es ist unglaublich, dass das Konzept bis zum Buchende auf Seite 274 trägt, dass dem Leser nicht langweilig wird beim Lesen der Einträge, beim Mitgehen und -fahren auf den Gleisen und neben ihnen. Weinzettl zeigt, wie viel Welt, wie viel Naturanschauung, wie viele Mikrohandlungen in einer 21 Kilometer langen Zugstrecke stecken können.

Vor allem sprachlich besticht das Buch: durch seine Präzision, durch seine poetische Kraft. "Im Wald – im Schneeweiß die Schwarz- und Grautöne der Bäume, das Hellbraun des Laubs und das Fichtennadelgrün (in dieser Reihenfolge)." Über drei Jahre erstrecken sich die lesenswerten Aufzeichnungen des sensiblen "Schwellengehers", im Schlusssatz wird die Möglichkeit einer neuen Liebesgeschichte für seinen Helden angedeutet: "Nicht ein Zugsignal weckte ihn, nicht ein Quietschen und Rütteln, sondern die Hand und die Stimme einer jungen Frau. Er wußte sofort, er war angekommen. Zeit, umzusteigen und die Reise fortzusetzen. Zugleich hatte er sich auch schon mit einem Lächeln bedankt, gar nicht so sehr überrascht, eher: 'Ah, endlich!' Und freute sich auf alles, was noch folgen würde..."

 

Peter Landerl
6. Februar 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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