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Johannes Weinberger und Ernest A. Kienzl: Der Fluss / 16 Sechsunddreißigfeldzeichen.

St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich, 2008.
55 S.; 16-seitiges Leporello; geb.; Eur 20,-.
ISBN 978-3-901117-91-6.

Link zur Leseprobe

Der St. Pöltener Künstler Ernest A. Kienzl hatte für die Erweiterung seines Graphikzyklus "Feldzeichen" ursprünglich an eine Kooperation mit einem Komponisten gedacht, ehe er sich für den Schriftsteller Johannes Weinberger entschied. Aus der Vorgabe, einen ebenfalls aus 16 Variationen bestehenden Text zu verfassen, entstand "Der Fluss", dessen einzelne Kapitel den 36 "Feldzeichen" gegenübergestellt wurden – verkehrt, in Spiegelschrift gesetzt und integral am Schluss des Buches.
Die an russische Konstruktivisten erinnernden Bilder changieren zwischen statischer Ruhe und innerdynamischer Spannung im semantischen Gehalt der (einzigen) Farben Rot und Schwarz. Der Bilderzyklus ist dem bibliophilen Band noch zusätzlich als Leporello beigelegt.

Diese Farben der mit Kreisen, Drei- und Vierecken sich zu Schlüsselloch und -bart fügenden Bilder finden sich in den Prosaminiaturen ebenso wieder wie die geometrischen Strukturen. In den schwarzen Pupillen einer am Küchenfester hockenden Katze spiegelt sich der gestenscheue Protagonist, der mit einer blutrothaarigen Frau mit grüngläsernen Augen zusammenlebt. Fremd sind sie einander und ihr Verhältnis ist von Ängsten und Gegensätzen geprägt. Während sie etwa meditativ versinkt, macht ihn bereits ihr Schlüsselumdrehen panisch. Wie in Weinbergers letztem Buch "Aus dem Beinahe-Nichts" (2007) werden die namenlosen Figuren über ihre Körper, Gesten und über Manifestationen ihrer Feinsinnigkeit beschrieben. Und abermals ist es ein Laden – hier für Lederwaren –, in dem sich filmisch komprimierte kafkaeske Szenen abspielen, die David Lynch zur Freude gereichten. Das textliche Dreieck wird in diesem Geschäft durch eine blutrote Handschuhe und schwarzes Echthaar tragende Schaufensterpuppe mit grüngläsernen Augen komplettiert und die spiegelnde Wiederkehr der Figurenzüge auf die Spitze getrieben. In hyperrealistische und doch lyrische Beobachtungen feinster Körperregungen eingebettet, mutet das Spiel mit bedeutsam aufgeladenen Zeichen fantastisch an, die in Klammern gesetzten Ausdifferenzierungen wie Fingerzeige auf des Erzähl-Ichs Unsicherheit.

Eine Unsicherheit, die der Protagonist im Alleinsein, aber selten nach außen zeigt: "Draußen ist feindlich", befanden die Einstürzenden Neubauten, und Weinberger lässt seinen synästhetisch begabten Antihelden das stets regnerische Außen in einem nur kleinen Radius – von der nahen U-Bahnstation bis zum Ledergeschäft – durchmessen. In der U-Bahnstation wird er von einem am Unterarm bandagierten jungen Mädchen angesprochen, das von einem Schäferhund gebissen wurde und "sechs blutige Löcher" davontrug. Verbindet diese Szene Robbe-Grillet'sche Erotik mit einem Horrormotiv, so verdeutlicht die Konfrontation mit einem suizidalen Hypermanischen am U-Bahngleis, der von einer jungen Frau gerettet wird und dieser im Traum als der Erzähler wiederkehrt, die überstarke Empathie des sich erst im (abstoßenden) Anderen Erkennenden.
Nur in diesen, wenn auch losen Beziehungen gelingt eine Auflösung der (Innen-)Weltängste, denen Weinberger visualisierend bis an die Wurzeln nachspürt, um sie in poetisch flirrenden Bildern – kurz – zu bannen.

Der Autor hat Kienzls Feldzeichensysteme genau studiert und kongenial in einem nicht-linearen, ruhigen Erzählfluss auseinandergesetzt. Mit "Der Fluss" erweist sich Johannes Weinberger erneut als sprachlich virtuoser, im Durchleuchten emotionaler Konflikte eigenständiger Metaphysiker fern jeder trainierten Plot-Manie. Schlussendlich hat der bildende Künstler doch einen Komponisten gefunden – der Alltagsmysterien en miniature.

Roland Steiner
6. Mai 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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