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Walter Wippersberg: Eine Rückkehr wider Willen.

Zwei Berichte über mich.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2008.
180 S.; geb.; EUR 18.00.
ISBN: 978-3-7013-1152-1.

Link zur Leseprobe

Walter Wippersberg neues Buch "Eine Rückkehr wider Willen" erzählt die Geschichte einer Kindheit als "Vorspiel zum Leben" und einer Krankheit als "Vorgeschmack aufs Sterben". "Zwei Berichte über mich" lautet der Untertitel. Der Erzähler ist unverhohlen der Autor selbst, Wippersberg selbst hat die Geschichte so, wie er sie schildert, auch erlebt. Er erzählt "vom Anfang (...) und von einer Zeit, die das Ende hätte sein können", von seinem Heranwachsen im Nachkriegsösterreich und von einigen Monaten im Jahr 2006, als er, inzwischen über sechzig, einen harten Kampf gegen den Tod ausficht. Die beiden Berichte sind über den Ort des Geschehens miteinander verschränkt, Schauplatz beider Lebensabschnitte ist Steyr, eine oberösterreichische Kleinstadt. Mit neunzehn hatte der Erzähler diesen seinen Geburtsort in Richtung Wien verlassen, war geflohen vor "dumpfem Nachkriegs-Biedermeier, selbstherrlichem Wiederaufbau-Optimismus – und hartnäckigem Schweigen über das, was die Erwachsenen, unter denen ich aufgewachsen war, vor 1945 getan hatten."

Nun, mehr als vierzig Jahre später, zwingt ihn eine lebensbedrohliche Erkrankung zur "Rückkehr wider Willen". Die Ironie des Schicksals will es, dass er mit akuten Bauchschmerzen in eben jenes Krankenhaus eingeliefert wird, wo er auch geboren wurde. Beinahe wäre er hier auch gestorben. Der Dünndarm hatte sich in den Dickdarm gestülpt, ausgelöst wurde diese Invagination durch einen Tumor. Krebs, lautet die niederschmetternde Diagnose. Es folgen Operationen, Chemotherapie, Herzinfarkt, Intensivstation, der Kranke fühlt sich zunehmend erbärmlich, kraftlos, in Gedanken schon dem Tod zugeneigter als dem Leben.

Der eigene Körper wird ihm zum Feind, misstrauisch steht er ihm von nun an als genauer Beobachter gegenüber. Ohne Scheu, ohne Scham führt er ihn dem Leser vor, in seinem Schmerz, seiner Gebrechlichkeit, seiner eigenen erniedrigenden Hilflosigkeit. Der Erzähler zeigt keinerlei Interesse daran, seinen Zustand in poetische Metaphern zu kleiden, den eigenen körperlichen Verfall durch euphemistische Verfremdung abzumildern, er übt keinerlei Rücksicht gegen sich oder gegen den Leser. Dieser fühlt sich durch die Intimität der Darstellung oft als Voyeur wider Willen, er ist versucht, ob der heiklen Thematik wie der Bauer bei Wilhelm Buschs Max und Moritz abwehrend zu fragen: "Wat geiht meh dat an?" Doch Wippersberg kennt diese Gefahren eines Intimrapports und schreibt gegen sie an, indem er einerseits der Krankengeschichte die Geschichte seiner unbeschwerten Kindheit gegenüberstellt und andererseits eine Form und Sprache findet, der es gelingt, die nötige Distanz zu schaffen, ohne unbeteiligt zu wirken. Unsentimental, beinahe lakonisch protokolliert er den Verlauf seiner Krankheit, selbstironisch und aufrichtig setzt er sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinander und rührt wie nebenbei an die großen Fragen – nach dem Sinn des Lebens, nach der Existenz Gottes, nach der Vorstellung, was uns nach dem Tod erwartet. Seine Antworten sind erfrischend heiter, versöhnlich, lebensbejahend, er vermeidet falsches Pathos, späte Reue, peinliche Bekenntnisse und gute Vorsätze: "Was anfangen mit dem Rest Leben, der noch bleibt? Neu anfangen (...), auf einen Selbsterfahrungstrip gehen? (...) Um zu erfahren, wer oder was ich eigentlich bin? Ich will das doch nicht wissen. Lieber bleibe ich mir, wenn's geht, ein Rätsel bis zuletzt."

Sich selbst ein Rätsel bleiben: Indem er sich erzählt, wird er sich fremd, eine Fiktion. "Ich ist ein anderer", bekannte schon Rimbaud. Wippersbergs Erzähler führt in seinem Text mindestens zwei "Ich" vor, es gibt mehrere Ebenen des Erzählens und des Erzählten. Spricht er vom Anfang, wählt er die "Er"-Form und betrachtet sich von außen, erzählt wird im Präsens: "Das Kind, es mag drei oder dreieinhalb Jahre alt sein, sitzt unter einem schweren Holztisch." Dann wechselt er in die unmittelbare Rede von sich als einem vergangenen, erinnerten "Ich", die dazugehörende Erzählzeit ist der Imperfekt: "In den ersten fünfzehn Jahren wohnte ich mit meiner Mutter und meinem Bruder im Haus Schlüsselhofgasse 34." Zuletzt wechselt er in die Rede von sich als dem Schriftsteller, Hochschulprofessor, Ehemann und Vater, der er geworden ist, erzählt wird erneut im Präsens: "Am Freitagmorgen wache ich mit Bauchschmerzen auf."

Durch diese Variation zwischen "Er" und "Ich", zwischen dem Bericht und dem unmittelbar Sprechenden, wird das Ich, das erzählt und dabei gleichzeitig sich erzählt, ungeheuer komplex, bar jeder Unmittelbarkeit: "Ich denke: Da ist der eine, der ich zum Beispiel zwölfjährig war, und der andere, als den ich mich erfunden habe und der ich dann tatsächlich wurde. Aber so einfach ist das nicht. Den Zwölfjährigen, der ich war, gibt es nicht mehr, nur mehr den, den ich erinnere. Und Erinnerung ist (...) eben auch Erfindung."

Schon als Junge hatte er sich zum ersten Mal erfunden, als Schriftsteller, ebenso gut hätte es Maler, Bildhauer oder Architekt sein können. Damals, fast noch ein Kind, ein Lebensanwärter, noch werkledig, probierte er gemeinsam mit seinem besten Freund Teddy unterschiedliche "Lebens- und Daseinsentwürfe" aus, übte "für das spätere, fürs wirkliche Leben, so wie wir uns das halt vorstellten. Es würde (...) woanders stattfinden. Wo auch immer, in Steyr nicht. Wir warteten." Worauf, diese Frage stellte sich ihnen so konkret damals noch nicht. Ihre Sehnsucht brauchte keinen Gegenstand. Und eben dies unterscheidet den Mann von heute von dem Heranwachsenden von damals: "Die Sehnsucht ist verschwunden. Und das, als einziges eigentlich, schmerzt."

An die Stelle der Sehnsucht ist nun die Hoffnung getreten: "Lebenssatt zu sterben: Diese Hoffnung gebe ich vorläufig nicht auf." Und diese Hoffnung gibt Wippersbergs reiches, kluges, eindringliches Buch dem Leser mit auf den Weg.

 

Martina Wunderer
24. September 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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