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Walter Wagner: sternen und stimmen.

Lyrik.
Krems, Linz, Wien: Resistenz, 2008.
77 Seiten, broschiert.
ISBN 978-3-85258-174-7.

Link zur Leseprobe

... darüber ein noch fernerer Horizont

Die stille Poesie japanischer Dreizeiler und Adalbert Stifters Poetologie der "Bunten Steine" treffen sich in den neuen Gedichten Walter Wagners. Keine persönlichen Bekenntnisse eines lyrischen Ichs finden sich in seinem knapp achtzig Seiten schmalen Lyrikbändchen. In "sternen und stimmen" lässt der Autor die Dinge selbst zu uns reden.

Möglichst klar und einfach sucht er sie in seinen Versen zu benennen. "bergsee", "firn", "granit", "raps", "frost" überschreibt er seine stillen, kargen Naturgedichte. "räume", "haft", "city", "métro" betitelt er die lyrischen Momentaufnahmen menschlicher Zivilisation. Wagners "alpenländische Haikus" arbeiten mit äußerster Reduktion. Die reim- und interpunktionslosen Gedichte sind in durchgängiger Kleinschreibung gehalten. Der Zeilenfall trennt die überwiegend vollständigen und verständlichen Sätze meist schon nach ein oder zwei Worten. Die schlanken Gedichtkörper mit gelegentlich zu Strophen gebündelten knappen Versen sind schon rein optisch reduziert. Wortneuschöpfungen und Metaphern werden sparsam eingesetzt. Wagner arbeitet statt dessen mit bildkräftiger Einfachheit, sanften Sprachverschiebungen und unmerklichen Wortschichtungen.

Wagner ist ein geschulter Sprachgeologe, der mit extrem reduziertem Material eindringliche Stimmungsbilder von Augenblicken schlichter Harmonie zeichnet – besonders gelungen in den naturlyrischen Zyklen "droben" und "laub", wo die Worte bedachtsam von Vers zu Vers tropfen und der Stille einen Rhythmus geben. In der Natur werden Momente als Unio mystica erlebt, als, wie Goethe es nennt, "lebendig-augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen". Der Augenblick wird zum Repräsentanten der Ewigkeit. Gerade unspektakuläre Geschehen wie das von Stifter in der Vorrede zu "Bunte Steine" beschworene "Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne", werden als "Nunc stans" erlebt. In einem seiner Gedichte nennt Wagner den verehrten Autor des "Nachsommers" einen der "hintergründigsten / dichter der weltliteratur".

Auch Wagner versucht zu vermitteln: In jedem flüchtigen Ereignis spiegelt sich die ganze Wirklichkeit – einzig erfahrbar im Wandel der Erscheinungen. Wie Andachten klingen einige seiner Gedichte: zum Beispiel dort, wo Silbersträhnen matten Firns als strömende Gebete auf Pilgerpfaden gedeutet werden oder eine Wanderung durch eine granitdurchsetzte Hügellandschaft als Tag der Erlösung erlebt wird. Wagners lyrische Stillleben verweisen auf das Unsichtbare und verleihen ihm Präsenz. Wie im Gedicht "alpenvorland", wo der Blick vom windüberwehten beharschten Bergrücken im Vordergrund sanft weitergelenkt wird: Denn dort "über der kante / tauchte ein noch / fernerer horizont / in den stämmigen / hochwald."

Die Klarheit jenes – wortwörtlich und im übertragenen Sinn – Weitsicht erlaubenden Bergwindes ist in allen Gedichten Walter Wagners zu spüren: Er weht bis in seine Verse über die Pariser Metro und die marokkanischen Souks hinein. Denn auch in der Stadt, auch in der Fremde verweist jede Erscheinung auf etwas "dahinter", trägt jedes noch so alltägliche Geschehen auf irgendeine Weise einen verborgenen Sinn in sich – selbst in der "gegen gegend", so der Titel eines anderen Zyklus, dort wo "von plastiksäcken / hauchdünnes // papier / vagabundiert / über rotes ödland" und "längs dem bahndamm / (...) flaschenhälse / scharfe musik" spielen.
Wagner beschränkt sich nicht auf das Naturthema. Zivilisationsräume mit ihrem unvermeidlich Hässlichen, Lärm und Müll, aber auch Sprachkritik und Selbstreflexion macht er zum Thema. Durch die Einbindung dieser Gegen-Idyllen entgeht er der dem Vorwurf des Eskapismus – auch wenn Wagners Gedichte häufig da am besten sind, wo sie am meisten Gefahr laufen, in die Idylle abzugleiten.

Selbst wenn man der leisen Sanftmut seiner Verse manchmal etwas mehr Ironie und Schärfe wünscht: der Magie seiner Gedichte, die den Atem der Stille hörbar machen, kann man sich schwer entziehen. Auch und gerade, weil über der meditativen Gelassenheit eine stille Melancholie liegt. Denn das lyrische Ich weiß, dass "der endpunkt / der müdigkeit" letztlich nicht erreichbar ist, "dass unter / korallen und / seesternen / kiemenlos / kein bleiben ist."

 

Michaela Schmitz
7. Jänner 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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