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Andreas Weber: So nicht!

Sentimental Stories.
Wien: Picus Verlag, 2007.
144 S., geb; Eur 19,90.
ISBN 978-3-85452-624-7.

Link zur Leseprobe

Ich habe den schmalen Erzählband zweimal gelesen. Bei der wiederholten Lektüre hat sich der anfängliche Eindruck gewandelt. Ähnlich wie bei Spielfilmen, die am Schluss mit einer Überraschung aufwarten, durch die die gesamte Geschichte eine neue Bedeutung bekommt, liest man Andreas Webers fünf "Sentimental Stories", als die sie der Untertitel ausweist, beim zweiten Mal mit einer anderen Brille.
Um nicht länger um den heissen Brei herumzureden: Die Protagonisten sind allesamt Schriftsteller. Haupt- und Nebenberufsschriftsteller. Wenn dann auch noch von "Großschriftstellern" (S. 135) die Rede ist, dann drängt sich unweigerlich eine Assoziation mit der Berufs- und Existenzproblematik in der Landwirtschaft auf.
Durch alle fünf Erzählungen spinnt sich ein roter Faden, ein großes Thema: die Diskrepanz zwischen Kunst und Leben. Bis auf zwei Ausnahmen sind alle Figuren Germanisten, die Deutsch oder Geschichte unterrichten und nebenbei ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben, frönen. Das kulturpolitische Förderungssystem ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein des unsicheren Künstlerdaseins.

Diese Problematik bildet die Kulisse. Das Aussenseitertum, der Kampf gegen Vorurteile, um das tägliche Auskommen, Existenzängste, Suizidgedanken, der Traum vom Ansehen und vom finanziellen Erfolg und der Alptraum von dem leeren, weissen Blatt Papier, das es zu füllen gilt. All das sind Themen, um die die fünf Erzählungen kreisen.
Darüberhinaus sind es zum Teil schockierende Lebens- bzw. Alltagsgeschichten, die den Leser immer dann am falschen Fuss erwischen, wenn er gerade versucht ist, sich dem Grundgefühl der Sentimentalität hinzugeben.

So etwa in "Rudolf Atzbacher", wo aus der Sicht eines jungen "Zweckstudenten" das idyllische Leben eines alternden Schriftstellers gemeinsam mit seiner Künstlergattin in einer alten Villa am Land beschrieben wird. Eine Bernhardsche Figur, die über das Schreiben monologisiert, Ratschläge an den jungen Zuhörer weitergibt, die – wie sich dann herausstellt – reine Theorie sind. Er wählt den Freitod angesichts der unerträglichen Kraft des weissen Papiers, die er nie zu überwinden geschafft hat.

In "Sheila" reist der junge Hilfslehrer Engelbert Hemingstein – nomen est omen – nach Südwestengland, um an einem Roman zu schreiben, wird dort allerdings eines besseren belehrt und schlägt eine Buchhändlerlaufbahn ein. Eine desillusionierende Liebesgeschichte bildet die Rahmenhandlung zu dieser Erzählung.

Das "Blindbuch" wiederum stellt den Leser auf eine harte Probe. Er wird Zeuge einer Romanze zwischen einem verheirateten Mann und einer ebenso verheirateten, um Jahre älteren Frau, also einer unmöglichen Romanze. Armin ist Schriftsteller und Beate ist Dessous-Verkäuferin, also auch ein unmögliches, sprich ungleiches Paar. Der betrogene Ehemann setzt dem Idyll ein gewalttätiges Ende, aber der Reigen dreht sich weiter, bis am Schluss nur noch ein Glied übrigbleibt und ein Buch, dessen leere Seiten darauf warten, beschrieben zu werden.

Die titelgebende Geschichte "So nicht!" hat als Helden einen erfolgreichen Kinder- und Sachbuchautor, dessen Ehe mit einer Managerin schon seit langem am Ende ist, und der sich eines Tages aus dem Staub macht. Er hinterlässt einen Abschiedsbrief und wenig später wird seine verbrannte Leiche in einer Waldlichtung aufgefunden. Langeweile als Motiv. Das Leben geht weiter, doch nach etwa zwei Jahren meldet sich ein alter Bekannter bei eben jenem Engelbert Hemingstein, dem Buchhändler aus der Erzählung "Sheila", der mit dem toten Nikolaus George zu Studienzeiten eng befreundet war. Es sei hier nicht alles verraten, aber der Verlauf der Geschichte ändert mehrmals den Kurs, für Spannung ist gesorgt.

Letztendlich schliesst sich der Kreis mit "Romans Titten", einer gutgemeinten Anleitung zum erfolgreichen Romanschreiben, zum Bestseller. Ähnlich Rudolf Atzbacher ist der Autor überzeugt von seinen Vorstellungen, auch wenn er, so wie sein Kollege, kaum mehr zu schreiben vermocht hat als den Titel, von dem allerdings alles abhängt: "Mit der Erringung meines Titels habe ich den Durchbruch zum Schreiben endgültig geschafft. Seither realisiere ich täglich und stündlich neue creative Energien, die durch den Titelbesitz in mir freigesetzt werden." (S. 143)

Alles in allem ist Andreas Webers Erzählband ein durchaus unterhaltsames Stück Literatur, gut komponiert, streckenweise sehr ironisch, um nicht zu sagen selbstironisch, mit kritischen Seitenhieben auf die sogenannte Kulturszene. Und: sentimental!

 

Claudia Holly
12. Dezember 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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